Wer in Rom zur Kirche Santa Maria dell’Anima kommt, betritt ein Stück „deutsches und österreichisches Rom“. Nicht von ungefähr ist sie im Heiligen Jahr auch deutsche Nationalkirche. Santa Maria dell’Anima war vom 14. Jahrhundert an Pilgerhospiz und geistliche Heimat der deutschsprachigen Welt in Rom: Kaiser, Künstler und Theologen kehrten ein; sie wurde zu einem Symbol der geistigen Brücke zwischen Rom und dem Norden.
Seit 1859 ist das ehemalige Hospiz ein Studienkolleg, in dem Priester während ihres Aufenthalts in Rom wohnen. Derzeit studieren hier etwa 20 Priester, vorwiegend aus dem deutschsprachigen Raum. Rektor und Kaplan der „Anima“ werden in Übereinstimmung zwischen der Deutschen und der Österreichischen Bischofskonferenz bestellt. Aktuell ist Michael Max als Rektor des Päpstlichen Instituts Santa Maria dell’Anima im Amt – ein Priester aus der Erzdiözese Salzburg sowie früherer Rektor des Salzburger Bildungszentrums St. Virgil und Pfarrer von Neumarkt am Wallersee.
Hinter der Piazza Navona, dem Ort des Trubels und der Hektik, birgt die elegante Renaissance-Fassade dieses Gotteshauses ein Stück Weltgeschichte. Im Inneren verbinden sich nordische Strenge und italienische Anmut der römischen Renaissancekunst. Und im rechten Seitenschiff, zwischen Licht und Schatten, liegt das Grab eines Papstes, der ein schweres Schicksal hatte: Hadrian VI. Geboren als Adriaan Florenszoon Boeyens in Utrecht, ist er der einzige niederländische Papst der Geschichte. Sein Grabmal, geschaffen von Michelangelo nach einem Entwurf von Baldassare Peruzzi, trägt die bewegende Inschrift: „Wie viel hängt davon ab, in welche Zeiten auch des besten Mannes Wirken fällt.“ Das Vermächtnis eines Mannes, der am Vorabend der Reformation ehrlich reformieren wollte und doch an den Umständen seiner Zeit zerbrach. Eine Inschrift, die noch immer prophetisch klingt und zeigt: Nicht alles hängt von uns ab.
Hadrian VI. war kein Renaissancefürst, sondern Theologe, der vom Sohn eines Zimmermanns zum Rektor der Universität Löwen aufstieg. Als Lehrer des jungen Karl (später Kaiser Karl V.) erwarb er sich Ansehen und Einfluss, ohne es zu suchen. Er wurde Kardinal und 1522 – nach dem Tod Leos X. – in der wohl chaotischsten Zeit der Kirche zum Papst gewählt. Doch der fromme Gelehrte passte nicht nach Rom. Während die Kardinäle Feste liebten, zog Hadrian die Einfachheit vor; während andere im Machtspiel lebten, wollte er die Kirche reinigen. Schon in seinen ersten Schreiben bekannte er: „Wir wissen wohl, dass an diesem Heiligen Stuhl seit einiger Zeit vieles missbräuchlich geschehen ist. Alles soll gebessert werden.“
Als Hadrian VI. sein Pontifikat antrat, hatte Martin Luther in Wittenberg bereits die Thesen angeschlagen und die Reformation breitete sich aus. Hadrian wollte die Kirche von innen erneuern, aber die Zeit war nicht bereit für seine Ehrlichkeit. Als er kaum ein Jahr nach seiner Wahl starb, war er ein enttäuschter Mann – doch kein gescheiterter. Seine Tugend fiel in eine Zeit, die keine Tugend wollte.
Santa Maria dell’Anima erinnert uns daran, dass Heiligkeit oft auch gegen den Strich der Zeit zu suchen ist. Hadrians Vermächtnis ist, dass das Heil aus Gottes Barmherzigkeit, aus seiner Beziehung zu uns kommt. Santa Maria dell’Anima bleibt ein Ort, an dem Geschichte und Gnade sich in der Figur des Hadrian kreuzen: Nicht alles hängt von uns ab. Aber alles darf an Gott hängen.