
Dorin Oancea, geb. 1949, ist Germanist, Anglist, Theologe und war Dekan der Fakultät für Orthodoxe Theologie in Sibiu/Rumänien. Er publizierte viele Werke zur Ökumene und erhielt Auszeichnungen wie das Patriarchenkreuz durch Bartholomäus I.
RB: Am 12. April ist Ostersonntag der rumänisch-orthodoxen Kirche. Welche Bräuche gibt es zu Ostern, verglichen mit der römisch-katholischen Tradition, bei Ihnen?
Dorin Oancea: Da gibt es viel Gemeinsames, aber auch Unterschiede. In der gesamten Orthodoxie wird streng vegetarisch gefastet, wobei es je nach Kirche Unterschiede gibt. Vielerorts gelten nur Warmblüter als Fleisch. Fisch ist erlaubt an Mariä Verkündigung und am Palmsonntag – außerdem ist er wichtig in Verbindung mit dem altkirchlichen Symbol des „Ichtys“, griechisch für Fisch. Vor 2.000 Jahren war der Fisch das Erkennungszeichen unter verfolgten Christen. In der orthodoxen Fastenzeit symbolisiert er den Willen des Gläubigen, sich der ganzen Gemeinschaft Jesu zu nähern. Ich weiß nicht, ob alle Gläubigen das so reflektieren, aber als Fastenspeise ist der „Ichtys“ auch Rückbesinnung auf die Anfänge.
RB: Welche Unterschiede bestehen zwischen katholischer und orthodoxer Osterliturgie?
Oancea: In der rumänisch-orthodoxen Kirche haben wir drei liturgische Formulare: das von Johannes Chrysostomos, das von Basilius von Caesarea und das von Papst Gregor. Die darin enthaltenen hymnischen und textlichen Ausdrucksformen sind in Anordnung und Länge unterschiedlich. Ein Höhepunkt ist die Mette am Gründonnerstag mit der Lesung von zwölf Evangelien. Beginnend mit einem langen Johannes-Text, zeichnen die nachfolgenden Evangelien die Entwicklung nach, die zur Kreuzigung Jesu führte.
Der liturgische Schwerpunkt der Osternacht erfolgt im Morgengottesdienst am Sonntag: Jesu Aufstieg aus der Unterwelt nach seiner „Höllenfahrt“ zwischen Kreuzigung und Auferstehung. Die Ikone „Anastasis“ zeigt das schön: Jesu Abstieg in die Unterwelt, wo er Adam und Eva als Erste der Erlösten aus der Hölle herausführt. Im Hymnus wird besungen, dass Christus den Tod besiegt hat, auferstanden ist und wir alle durch ihn zum ewigen Leben kommen. Der feierliche Gottesdienst beginnt um Mitternacht, wird mit der Osterliturgie fortgesetzt und endet zwischen vier und fünf Uhr früh – je nachdem, ob die Texte gelesen oder gesungen werden.
RB: Vier bis fünf Stunden Gottesdienstbesuch – das klingt für römisch-katholische Ohren durchaus gewöhnungsbedürftig ...
Oancea (lacht): Nicht alle Gläubigen sind die ganze Zeit anwesend. Insofern existiert in der Orthodoxie viel Freiheit. Wünschenswert ist, dass zumindest gewisse Elemente mitgefeiert werden – wie etwa die Lesungen, die Predigt als Erläuterung dazu oder jener Teil der Liturgie, der mit dem Glaubensbekenntnis beginnt. Die Liturgie ist das Vehikel, durch das man die Gemeinschaft mit Christus erst vollzieht, und das Gebet ist Mittler zwischen Heiligem und Profanem. Die Abfolge der Worte ist wichtig – dadurch wird die Gemeinschaft erst vollzogen.
RB: Worin liegt für Sie als Theologe die Besonderheit der rumänisch-orthodoxen Liturgie?
Oancea: Vor Jahren habe ich eine schöne Erklärung gehört, die mir geholfen hat, meine eigene Konfession besser zu verstehen. Mit einem Japaner sprach ich über die Literaturform des „Haiku“ – ein aus Japan stammendes Gedicht, das sehr komprimiert ist und meist nur drei Zeilen lang. Er sagte: „Ein Haiku erschließt sich der Person, die es liest, unterschiedlich je nach Tageszeit.“ Ähnlich verhält es sich mit der orthodoxen Liturgie. Die vielen Litaneien haben oft denselben Wortlaut, und dennoch sind sie keine Wiederholung. Warum? Weil ich nicht derselbe bleibe. Weder auf geistiger noch auf körperlicher Ebene bin ich derjenige, der ich noch vor einer Minute war. Wie das Leben, so ist auch die Liturgie ein Weg. Jeder Moment, den ich mitfeiere, ist ein Schritt zu Gott, den Menschen und zur Welt.
RB: Stichwort Welt: Wie sah das Glaubensleben in der „Sozialistischen Republik“ Rumänien zwischen 1947 und 1989 aus?
Oancea: Nun, die Kirchen wurden nicht geschlossen, aber es durften keine neuen errichtet werden. Als Kind fiel mir bei einer Christmette in der Kathedralkirche meiner Heimatstadt Sibiu ein Mann mit aufgestelltem Mantelkragen ganz hinten in der Kirche auf. Er wollte nicht erkannt werden, aber mir war klar: Es war der Direktor der Musikschule. Er liebte Liturgie-Gesang, doch als Parteimitglied war ihm der Kirchenbesuch strengstens verboten. Religiösen Bedürfnissen durften Parteimitglieder nur im Privaten nachgehen. Kirchliche Trauungen fanden zuhause statt, mit wenigen Gästen. Um Verfolgung zu vermeiden, waren Priester oft darauf bedacht, die Vereinbarungen zwischen Kirche und Staat nicht zu verletzen.
RB: Ihr Vater hat sich dem aber widersetzt ...
Oancea: Mein Vater sammelte als Priester Geld für Bedürftige im rumänischen Landesteil Moldau. Dort und in anderen Ostländern, wie der Ukraine, gab es 1947 eine fürchterliche Hungersnot. Pastorale und soziale Arbeit war strengstens verboten; mein Vater wurde verraten und eingesperrt – unter anderem in Aiud, einem Gefängnis, das noch in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie gebaut worden war und zu den grausamsten Haftanstalten zählte.
RB: Wie haben Sie als Familie diese Zeit erlebt?
Oancea: Mein Vater war bei seiner Verhaftung 38 Jahre alt; meine Mutter 39, und sie war mit mir als viertem Kind schwanger. Weil sie ihn nicht gehen lassen wollte, wurde sie mit ihm inhaftiert. Nach zehn Tagen kam sie frei, mein Vater nach zehn Jahren. Im Gefängnis zelebrierte er im Geheimen Gottesdienste. Nach der Entlassung durfte er nicht zu uns zurück – auf seiner Gefängnis-Akte stand in großen Buchstaben „unerziehbar“. Er wurde in den Südosten Rumäniens verwiesen, durfte sich nur innerhalb eines Radius von 25 Kilometern bewegen. Dort begegnete ich ihm als Neunjähriger dann auch zum ersten Mal. Danach war er für vier weitere Jahre in einem Lager inhaftiert. Nach seiner Entlassung wurde er Pfarrer in Sibiel und gründete ein Museum für Hinterglas-Ikonen.
Ein österlicher Mensch zu sein, heißt auch: anzunehmen, was einem geschenkt wird. In diesem Bewusstsein versuche ich zu leben.
RB: Welche Bedeutung hat Ostern für Sie im Lichte eines so bewegten Lebens?
Oancea: Ostern ist für mich in erster Linie, was es allgemein für die Orthodoxie bedeutet: das Ende eines Prozesses und der Anfang von etwas Neuem. Zugleich ist Ostern immer geprägt von der eigenen Geschichte. Ein österlicher Mensch zu werden, heißt für mich, offen zu sein für das, was kommt. Bezogen auf meinen Glauben bedeutet das: Wenn ich auf der Straße gehe, dann gehe ich im Bewusstsein, auf Schritt und Tritt dem Herrn zu begegnen. Ich hoffe, dass ich Jesus erfahre – auch in einem Grashalm oder Stein. Ein österlicher Mensch zu sein, heißt für mich auch, das anzunehmen, was mir geschenkt wird. In diesem Bewusstsein versuche ich zu leben.
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