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Der Amazonas-Regenwald gilt als einer der zentralen Klimaregulatoren. Die „grüne Lunge der Erde“ speichert enorme Mengen CO2 – jedoch nur, solange das Ökosystem unversehrt bleibt. Doch Umweltzerstörung und Klimawandel setzen dem Regenwald massiv zu. Die Folgen sind dramatisch, wie das Beispiel des nahezu ausgetrockneten Rio Madeira im Bild oben zeigt. Für die Menschen am Fluss, die ribeirinhos, bedeutet das Verschwinden des Wassers den Verlust ihrer Lebensgrundlage. Ihre Transportwege brechen weg, Fischbestände schrumpfen, und eine Lebensweise, die seit Generationen untrennbar mit den Flüssen verbunden ist, gerät ins Wanken.
Die Ursachen sind vielfältig und verstärken sich gegenseitig: großflächige Rodungen für Soja und Viehzucht, Brandstiftungen und immer heftigere Waldbrände, verschärft durch klimawandelbedingte Dürren. Hinzu kommen illegaler Bergbau sowie Staudämme und andere Mega-Infrastrukturprojekte, die indigene Gemeinschaften, Flussanwohner und Kleinbauern von ihrem Land verdrängen.
Ihre Geschichte sichtbar zu machen und sich gegen Landraub, Vertreibung und Umweltzerstörung zu wehren, ist das Anliegen von Cleidiane Vieira, Sueyla Malcher Bezerra und Raphael Souza Alves. Das Trio der Bewegung „Movimento dos Atingidos por Barragens“ (MAB, „Bewegung der von Staudämmen Betroffenen“) war vor kurzem in Salzburg zu Gast. Zuvor hatten sie in Belém an der UN-Klimakonferenz teilgenommen – mitten im Herzen des Amazonasgebiets. Das Fazit: Die ärmeren Staaten werden von den Verursachern des menschengemachten Klimawandels, den reichen Industriestaaten, auch weiterhin buchstäblich im Regen stehen gelassen. Ein ermutigendes Signal ist, dass rund 80 Staaten einen Fahrplan zum Ausstieg aus Kohle und Erdöl vorlegten.
MAB prangert seit Jahren die zerstörerischen Folgen großer Wasserkraftwerke für Mensch und Umwelt an. „Große Projekte haben große Folgen – für Natur und Mensch“, sagt Cleidiane Vieira. Sie verweist auf das in Österreich bekannte Kraftwerk Belo Monte, gegen das der aus Vorarlberg stammende Bischof Dom Erwin Kräutler mobilisierte. Das Megaprojekt in Kräutlers Diözese Altamira wurde dennoch gebaut, mit verheerenden Konsequenzen: Tausende Menschen verloren ihre Lebensgrundlage, das Flussökosystem wurde irreversibel geschädigt.
„Wir sind nicht grundsätzlich gegen Wasserkraft“, betont Vieira. Belo Monte hätte ein Vorzeigeprojekt werden können. Doch die entscheidende Frage blieb unbeantwortet: Wie lassen sich Umweltschutz und die Rechte der Flussbewohner, Fischer und Indigenen mit der Energiegewinnung vereinbaren? Stattdessen profitierten vor allem internationale Konzerne, nicht die lokale Bevölkerung. „Die Kriminalität ist gestiegen. Obwohl Energie produziert wird, haben in Pará mehr Haushalte keinen Strom als in anderen Bundesstaaten. Und wer Zugang hat, zahlt die höchsten Tarife.“ Eine funktionierende Demokratie müsse in der Lage sein, einen gerechten Wandel zu gestalten, fasst Sueyla Malcher Bezerra zusammen. „Es ist an der Zeit: Gerechtigkeit für alle – das ist unsere DNA.“ Sie kritisiert zudem ein jüngst verabschiedetes Gesetz, das die Genehmigung solcher Großprojekte weiter erleichtert und keine Studien mehr verlangt, die deren Folgen umfassend bewerten.
Wer sich in Brasilien für Umweltschutz und Menschenrechte einsetzt, lebt gefährlich.
Scharfe Kritik üben Raphael Souza Alves und seine Mitstreiterinnen an der Politik des ultrarechten früheren Präsidenten Jair Bolsonaro. Der Bolsonarismus habe Brasilien um Jahrzehnte zurückgeworfen, sagen sie. Auch heute dominieren im Kongress starke Lobbygruppen, die die Interessen des Agrobusiness und der Großgrundbesitzer vertreten. Minderheiten und indigene Gemeinschaften geraten dadurch zunehmend unter Druck. Mit politischem Rückenwind dringt die sogenannte „Agrofront“ immer tiefer in die Waldgebiete Amazoniens vor – schneller, als Wald und Bevölkerung vor ihrer endgültigen Zerstörung geschützt werden können. Die Zahlen aus den vier Regierungsjahren Bolsonaros sind alarmierend: 3.552 indigene Kleinkinder starben, 795 Menschen wurden ermordet, 535 nahmen sich das Leben. Zudem wurden mehr als 1.500 schwere Fälle von unerlaubtem Eindringen, illegaler Ressourcenausbeutung und Zerstörung indigenen Kulturerbes registriert.
Mit dem Regierungswechsel zu Lula da Silva 2023 hat sich die politische Lage verändert, doch die Herausforderungen bleiben groß. Die Polarisierung ist weiterhin spürbar. „Wer sich in Brasilien für Umweltschutz und Menschenrechte einsetzt, lebt gefährlich. Unser Schutz ist das Auftreten als Gemeinschaft und starke lokale wie internationale Allianzen“, unterstreicht Cleidiane Vieira.
Unterstützung erhält MAB seit vielen Jahren von Sei So Frei, der entwicklungspolitischen Organisation der Katholischen Männerbewegung, ebenso wie vom Indigenenrat Cimi der brasilianischen Bischofskonferenz. „So viele indigene Menschen sind gebildet und äußerst effizient in demokratischen Prozessen“, sagt Wolfgang Heindl von Sei So Frei Salzburg. Es brauche kontinuierliche Proteste und Versammlungen: zur Mobilisierung, und um international Gehör zu finden.
Wissenswert
Die brasilianische Organisation MAB (Movimento dos Atingidos por Barragens – Bewegung der von Staudämmen Betroffenen) erhebt seit den 1970er-Jahren ihre Stimme für Minderheiten: für jene Menschen, deren Existenz durch Mega-Wasserkraftwerke, Umweltzerstörung, Dürren und Überschwemmungen bedroht ist. Ihr Ziel ist es, die natürlichen Ressourcen Amazoniens zu schützen und eine gerechtere, nachhaltigere Zukunft für alle zu ermöglichen. MAB fordert einen grundlegenden Kurswechsel – weg von Ausbeutung, hin zu einer Wirtschaft, die Menschenrechte und Natur respektiert.
Ein kraftvolles Ausdrucksmittel dieses Widerstands ist die Arpillera-Textilkunst. Vor allem Frauen fertigen kunstvolle Wandteppiche an – wie die Gruppe im Bundesstaat Rondônia (Bild oben). Es sind vor allem sie, die in Brasilien ihre Familien tragen und die sich, trotz aller Bedrohungen, nicht länger auf die Rolle der Opfer reduzieren lassen. Sie stehen an vorderster Front, wenn es darum geht, sich zu organisieren und für ein besseres Leben zu kämpfen. Jedes Stück Stoff wird so zu einem Zeugnis von Widerstand, Resilienz und Hoffnung. Die Arpilleras erzählen von Umweltzerstörung, Ressourcenausbeutung – und vom unermüdlichen Kampf um Überleben, Würde und Gemeinschaft.
Weitere Infos: seisofrei.at oder alertaamazonia.com

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