
RB: Hinterfragen die Menschen im Alltag tatsächlich dauernd ihre Identität, wer sie sind und wer sie sein wollen, oder sind das nicht eher akademische Überlegungen?
Martin Dürnberger: Gerade wenn sehr viel in Bewegung ist, die Welt unsicher wird und sich neu ordnet, steigert sich beim Einzelnen das Bedürfnis nach einer sicheren, stabilen Identität: Ich weiß nicht, was kommt – umso wichtiger ist es, dass ich weiß, wer ich bin, wofür ich stehe, was mich anleitet.
RB: Die Salzburger Hochschulwochen sehen die Identitätsfrage als „Schlüsseldiskurs“ in unruhigen, disruptiven Zeiten. Inwiefern ist die Welt heute unsicherer als früher?
Dürnberger: Die Soziologie sprach im 20. Jahrhundert mit Blick auf Westeuropa vom Fahrstuhleffekt, einem Aufwärtstrend mit gesamtgesellschaftlichem Wachstum und Fortschritt, mit mehr Bildungschancen, mehr Konsum und einer gesellschaftlich entspannenden Wirkung. Was das eigene Selbstverständnis betrifft, war die Idee: Mir und meinen Kindern wird es einmal besser gehen.
Der Fahrstuhleffekt wurde in der Wahrnehmung der Menschen von einer Rolltreppe nach unten abgelöst.
Doch mittlerweile wurde dieser Fahrstuhleffekt in der Wahrnehmung der Menschen von einer Rolltreppe nach unten abgelöst. Die Rolltreppe fährt und wir müssen liefern, Leistung bringen, optimieren, um den Platz zu halten und nicht abgehängt zu werden. Diese Postwachstumsgesellschaft verändert uns und erzeugt massive Identitätsfragen.
RB: Auf welche verschiedenen Perspektiven zum Thema dürfen wir uns bei den Hochschulwochen freuen?
Dürnberger: Standardmäßig spielt die Theologie eine wichtige Rolle. So wird die neue Dogmatikprofessorin Franca Spies erörtern: Was ist eigentlich katholische Identität? Was ist das entscheidend Katholische, was das unterscheidende? Eine Frage, die sich innerhalb der Kirche ja gerade mit der Piusbruderschaft stellt. Auch auf den prominenten Soziologen Andreas Reckwitz freuen wir uns sehr. Er spricht über das, was wir von unseren Vorfahren erben – nicht nur materiell, sondern an Problemen, Traditionen, Ideen – und wie wir damit umgehen.
RB: Dem gewohnt vielfältigen Programm ist zu entnehmen, dass sich der Bogen vom heiligen Franziskus bis zu Donald Trump spannt ...
Dürnberger: Zum Franziskusjahr bieten wir einen Schwerpunkt mit Sonderführungen, Workshops und der Frage, was man von Franziskus für die christliche Identität lernen kann. Und der Salzburger Politologe Reinhard Heinisch wird darüber sprechen, wie uns der Umgang mit Donald Trump vor die Frage stellt: Was sind die Werte, die uns als Europäerinnen und Europäer wichtig sind? Wo sind Kompromisse möglich, wo pragmatische Lösungen und wo sind die roten Linien?
RB: Was können wir am Blick in Richtung USA für unsere Identität lernen?
Dürnberger: Mehr innere Gelassenheit. Es ist wichtig zu sagen, was da passiert, ist moralisch fragwürdig, aber wenn ich mich ständig auf 100 Prozent hochjazzen lasse, hilft das weder mir, noch verändert es die Welt.
wissenswert
Die Salzburger Hochschulwochen sind ein internationales, interdisziplinäres Forum, in dem sich seit 1931 die Theologie gemeinsam mit weltlichen Wissenschaften dem Dialog über gleichermaßen grundsätzliche wie aktuelle Fragen stellt. Heuer läuft die Veranstaltung vom 3. bis 9. August. Das Motto: „Wer wir sind und sein wollen – Identität: Superkraft und Problemzone“
Infos unter: salzburger-hochschulwochen.at
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