
RB: Mit welchen Gedanken gehen die Franziskaner – und Sie persönlich – in das Franziskusjahr 2026?
P. Fritz Wenigwieser: Franziskus ist absolut relevant – vor allem in einer Welt, in der alles immer leerer und schneller wird. Er hat uns als anfänglicher Narzisst einen Weg vorgezeichnet, der heute noch aktuell ist. Wie kann ich als Lebenskünstler, als Bruder, als Mensch mein Leben mit dem anderen teilen, gerade in einer digitalen Welt? In dieser Botschaft steckt die Armut drin, dass man in Frieden miteinander lebt, die Verantwortung für die Schöpfung. Franziskus ist so präsent, dass man auch über die Kirche hinaus immer einen Anknüpfungspunkt findet. Es lohnt sich, dass man ihn nicht einfach nur als „netten Heiligen“ auf ein Podest stellt, sondern sich die Frage stellt: was bedeutet der Prozess, durch den er gegangen ist, heute für uns?
In seiner Botschaft steckt die Armut drin, dass man in Frieden miteinander lebt, die Verantwortung für die Schöpfung. Der Weg von Franziskus ist heute noch aktuell.
RB: Welche Impulse sind für das Jubiläumsjahr geplant?
Wenigwieser: Wir haben keine strengen Vorgaben, sondern es ist in der Provinz jedem Kloster freigestellt, darüber nachzudenken: was kann man im Franziskusjahr machen, wie kann man die 800 Jahre konkret feiern? Das reicht vom Sonnengesang bis zu einem geplanten Theaterstück von Felix Mitterer in Tirol, wo Bruder René, der Guardian des Franziskanerklosters in Schwaz, den heiligen Franziskus darstellen soll.
RB: Wie sehen die Pläne für Salzburg aus?
Wenigwieser: Bei uns hier spielt stark die franziskanische Lebenskunst herein: mit einer gleichnamigen Ausstellung mit 104 Exponaten zu Franz von Assisi ab Ende Mai im DomQuartier und einer geplanten Podiumsdiskussion zum Thema „Lebenskunst und Sterbekultur“ im Oktober. Dabei ist vorgesehen, dass 80 franziskanische Schwestern und Brüder aus Europa nach Salzburg kommen und die Ausstellung begleiten – im Hinblick auf die Frage: Was hat das mit uns Franziskanern heute zu tun?

RB: Welches „Franziskus-Thema“ fasziniert Sie selbst besonders?
Wenigwieser: Das ist genau diese „Sterbekultur“ – dass Franziskus, mit seinen Worten gesprochen, „der Tod zum Bruder geworden“ ist. Man muss sich das vorstellen: er war augenkrank, milzkrank, leberkrank – wir würden heute auf der Intensivstation liegen – und Franziskus schreibt in dem Augenblick, wo der Schmerz den höchsten Punkt erreicht, diese Worte. Das ergibt für mich einen Bogen: Franziskus ist durch den Schmerz hindurch gegangen und hat ihn am Ende noch einmal integriert und als Bruder verstanden. In einer Welt, in der wir nicht wissen: wie sollen wir abtreten, wie gehen wir mit der Begleitung von Menschen in einer älteren Gesellschaft um? Das gehört für mich diskutiert, auch aus dem Blickwinkel des heiligen Franziskus und wie wir Franziskaner dazu stehen.
RB: Die Franziskaner werden also zum Todestag ihres Ordensgründers das Sterben thematisieren?
Wenigwieser: Ja, aber nicht in einer morbiden Sprache, sondern wie dieses Loslassen letztlich zu einer großen inneren Freiheit führt. Das ist die tolle Botschaft des Franziskus. Weil Freiheit auch ein Hauptthema in der Gesellschaft ist – aber im Sinne der Verantwortung, nicht dass ich tun und lassen kann, was ich will.
wissenswert
Der Höhepunkt von vier Franziskusjahren: Das Franziskusjahr 2026 ist eigentlich der Abschluss und Höhepunkt eines mehrjährigen Gedenkens an den hl. Franz von Assisi. Seit vier Jahren feiern die Gläubigen in Teiljubiläen mit der franziskanischen Familie zunächst die Weihnachtsfeier und Krippe zu Greccio sowie die Bestätigung der Regel des hl. Franziskus (1223), danach das Geschenk der Stigmata (1224) und die Niederschrift des Sonnengesangs (1225) sowie heuer den 800. Todestag oder „Transitus“ von Franz von Assisi (3. Oktober 1226). Viele Gemeinden nutzen dieses Jahr, um seine Botschaften neu zu entdecken und mit Leben zu füllen: Frieden, die Schöpfungsverantwortung und Liebe zur Natur, Geschwisterlichkeit, Einfachheit und soziales Engagement.
Franz von Assisi (1181/82–1226) verzichtete auf Reichtum und Status, lebte radikal aus dem Evangelium und wurde zum „Bruder aller Geschöpfe“. Seine Spiritualität prägt bis heute Menschen weit über die Kirche hinaus. In Assisi werden im Franziskusjahr erstmals die Reliquien des Heiligen öffentlich gezeigt (vom 22. Februar bis 22. März). In den ersten vier Tagen nach der Ankündigung meldeten sich dafür bereits mehr als 30.000 Pilgerinnen und Pilger an. Franziskus erinnert uns daran, dass ein glaubwürdiges Christsein immer mit einem offenen Herzen beginnt – für Gott, für die Menschen und für die ganze Schöpfung.
teilnehmen
Die Feierlichkeiten zum 800-Jahr-Jubiläum beginnen offiziell am 10. Jänner um 10 Uhr in der Portiuncula-Kapelle der Basilika Santa Maria degli Angeli in Assisi (im Bild unten). Die gesamte Eröffnungsfeier wird live auf den offiziellen Kanälen der Seraphischen Provinz des hl. Franziskus von Assisi des Ordens der Minderbrüder sowie auf der Website der Franziskanischen Jubiläen übertragen, unter: www.centenarifrancescani.org

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