Die Seereise des Paulus ist mehr als ein historischer Bericht. Sie ist ein geistliches Bild davon, wie Gott Menschen durch Krisen begleitet, selbst wenn Entscheidungen, die andere treffen, ins Chaos führen.
Paulus reist als Gefangener nach Rom, doch geistlich ist er frei. Zu Beginn warnt er die Verantwortlichen vor der gefährlichen Überfahrt. Seine prophetische Einsicht wird jedoch überhört – nicht aus bösem Willen, sondern aus menschlicher Selbstsicherheit und ökonomischem Kalkül. Theologisch erinnert dies an die vielen Situationen, in denen Gottes leise Mahnung gegen laute, scheinbar vernünftige Stimmen verliert. Aber die verpasste Chance bedeutet nicht das Ende der Geschichte: Gottes Fürsorge bleibt bestehen.
Die Bibel verschweigt die Angst nicht, sie nimmt sie ernst. Gerade darin wird Gottes Nähe erfahrbar.
Der dramatische Sturm, der das Schiff erfasst, ist ein Sinnbild existenzieller Erschütterungen. Die Mannschaft verliert die Orientierung – ein starkes Bild für jene Phasen, in denen auch wir keine Klarheit mehr haben. Die Bibel verschweigt die Angst nicht, sie nimmt sie ernst. Und gerade darin wird Gottes Nähe erfahrbar: nicht als schnelle Lösung, sondern als Zusage mitten im Chaos.
Paulus wird in dieser Not zum „Seelsorger an Bord“. Die Worte, die er spricht, lauten: „Habt Mut! Ich vertraue Gott; es wird so kommen, wie es mir gesagt worden ist.“ Sie bilden den theologischen Kern des Kapitels.
Vertrauen wächst nicht aus sichtbaren Erfolgen, sondern aus Gottes Treue. Die äußere Sicherheit zerbricht, doch die Zusage Gottes trägt. Glaube bewahrt uns nicht vor Verlusten, aber er bewahrt uns in den Verlusten.
Paulus‘ Handeln ist ebenso theologisch wie praktisch: Er ermutigt die Männer zum Essen, ruft zu Besonnenheit auf, stärkt die Gemeinschaft. Hoffnung wird hier körperlich, alltagsnah, bodenständig. Sie zeigt sich in kleinen Gesten: einem Brot, einem Wort, einer Erinnerung an Gottes Beistand.
Der Glaube stärkt uns, das zu tun, was möglich ist – und das Unmögliche Gott zu überlassen.
Kapitel 27 der Apostelgeschichte lädt dazu ein, die Stürme des Lebens nicht als Zeichen der Abwesenheit Gottes zu deuten, sondern als Orte seiner verborgenen Gegenwart. Der Text macht Mut, dass Gott auch dann handelt, wenn unsere Pläne scheitern, wenn andere Entscheidungen treffen, die uns ins Schlingern bringen, oder wenn wir den Horizont aus den Augen verlieren. Er zeigt: Zwischen Gottvertrauen und Verantwortungsübernahme besteht kein Gegensatz. Der Glaube stärkt uns, das zu tun, was möglich ist – und das Unmögliche Gott zu überlassen.
So wird diese Bibelstelle zu einer geistlichen Landkarte: nicht für die Umgehung von Stürmen, sondern für das sichere Durchkommen. Gott führt ans Ufer – manchmal auf Wegen, die wir nicht gewählt hätten, aber immer mit einer Treue, die stärker ist als jeder Wind, deshalb: Habt Mut!
Vertrauen lernen (3/4)
Die Welt ist unsicher: Kriege, Klimawandel, Wirtschaftskrise, Pandemie – Menschen verlieren den Boden unter den Füßen, die Angst wächst. Auch in der Bibel finden sich herausfordernde Situationen wie der Schiffbruch, den der gefangene Paulus auf der Reise nach Rom erleidet – und darin die Erfahrung, dass Vertrauen trägt.
In den vier Abenden des Linzer Bibelkurses werden Texte des Neuen Testaments zu den Themen Vertrauen, Leichtigkeit und Mut und der daraus folgenden Freude mit verschiedenen Methoden ins Gespräch gebracht und mit den Erfahrungen unserer Zeit verknüpft. Infos: www.bibelwerklinz.at

Szidónia Lörincz ist Theologin, Berufungscoach und Referentin im Fachbereich Glauben Heute, Team Bibelwerk, Diözese Linz.