RB: Wie geht es Ihnen? Wie gestalten sich Ihre Tage hier im Europakloster Gut Aich?
Bruder David Steindl-Rast: Danke, dank der lieben Fürsorge meiner Brüder hier im Kloster geht es mir sehr gut. Ich bin jeden Tag erstaunt und dankbar, wie sie sich um mich annehmen.
Ich nehme, soweit ich kann, am klösterlichen Tagesablauf teil. Aber in der Früh ist es mir zu früh und am Abend das Letzte ist mir zu spät. Ich bin beim Mittelteil dabei.
RB: Sie sind der älteste Benediktiner in Österreich und leben im jüngsten Benediktinerkloster Österreichs. Wieso ist dieses Kloster so passend für Sie?
Bruder David: Das, was mir besonders lieb ist am Europakloster Gut Aich ist, dass es versucht, was eigentlich jedes Kloster tut, das Himmelreich oder das Reich Gottes, wie es Jesus nennt, in unserer Zeit zu verwirklichen. Klöster haben über Jahrhunderte Bestand. Besonders typisch sind die Franziskaner, die die ganze Machtkirche auf den Kopf gestellt haben. Darum bemüht sich jedes Kloster, aber die Bemühung darum sehe ich besonders hier in Gut Aich. Das Kloster in Mount Savior, in den Vereinigten Staaten, wo ich eingetreten bin, war ziemlich abgeschlossen. Wir haben nur für uns innerhalb der Klostermauern das Reich Gottes zu verwirklichen versucht. Hier im Europakloster wird versucht, die Gemeinde und die Mitarbeitenden, die Ehrenamtlichen, die Weggemeinschaft einzubeziehen. Wie siehst du das, Br. Thomas?
Prior Bruder Thomas Hessler: Unser Kloster ist ein Vernetzungsort. Spiritualität hat etwas mit Netzwerken zu tun. Du, Bruder David, stehst für die Tradition, den Dialog zwischen Religionen aufzunehmen, aufeinander zu hören, voneinander zu lernen. Im 21. Jahrhundert, glaube ich, ist es wichtig, dass wir Orte schaffen, wo dieser Dialog in gemeinsamer spiritueller Praxis umgesetzt wird. Das ist uns im Kloster ein Anliegen.
RB: Wie erleben Sie das Älterwerden in der klösterlichen Gemeinschaft?
Bruder David: Das Älterwerden ist sehr schwierig. Das weitaus schönste und fröhlichste Jahrzehnt meines Lebens waren meine 80-er. Die habe ich ja auch zum Teil hier im Kloster verbracht – fraglos die beste Zeit meines Lebens. Ich hatte keine großen Verantwortungen mehr. Völlig gesund. Nicht die geringsten physischen Beschwerden. Mit den 90-ern fingen natürlich die körperlichen Beschwerden an. Da helfen mir die Brüder sehr. Es ist immer jemand um mich, der mich stützt, wenn ich nicht gerade gehen kann.
Es ist etwas ganz anderes, als in einem Altersheim zu sein. Es ist vielmehr so, wie einfach in der Familie alt werden zu können. Das hier ist ja meine geistliche Familie. Es ist ein Einüben in ein respektvolles Miteinander verschiedener Generationen. Das ist wichtig, wenn man versucht, das Reich Gottes zu leben in dieser Geschwisterlichkeit.
Bruder Thomas: Für mich war es immer wichtig zu sehen, dass es unsere Aufgabe ist, die älteren Brüder, soweit es uns möglich ist, im Alltag zu unterstützen und pflegerisch begleiten. Unser Bruder Wolfgang hat Pflegemanagement studiert, der kennt sich gut aus. Ein ehemaliger Mitbruder ist Arzt und übernimmt die ärztliche Begleitung.
Bruder David: Ich wünsche allen Brüdern so gut von ihren jüngeren Brüdern versorgt zu werden, wie ich jetzt. Das ist ein Segen. Dadurch, dass mir die körperlichen Schwierigkeiten so weit wie möglich erleichtert werden, habe ich mehr Zeit das dankbare Zurückblicken zu üben. Dass ich mich nicht ständig um körperliche Belange kümmern muss, das wird mir hier geschenkt.
RB: Sie beschäftigen sich derzeit mit Namen, die der Dichter Rainer Maria Rilke für Gott verwendet. Was wäre Ihr Lieblingsname für Gott?
Bruder David: Das ist „Überraschung“. Weil Gott immer überraschend ist. Es ist der einzige Name, der ihn nicht festlegt. Also Überraschung ist mein eigener Lieblingsname für Gott. „Du“ ist auch einer meiner liebsten.
RB: Ein bekannter Satz von Ihnen ist „die Wurzel der Freude ist Dankbarkeit“. Wofür sind Sie dankbar?
Bruder David: Das sind die Gegebenheiten meines Lebensweges. Denn ich bin froh, dass ich Wiener bin. Ich bin froh, dass ich eine sehr ansprechende christliche Atmosphäre in meiner Familie vorgefunden habe. Ich bin sehr dankbar, dass ich eine ausgezeichnete christliche Schule besuchen durfte, die mir sehr viel mitgegeben hat fürs Leben. Und dass ich dann ein Kloster finden konnte. Auch das ist ja gar nicht so einfach. Ich habe überhaupt nicht herumgesucht. Mir war es klar, dass ich Benediktiner werden möchte. Aber dass ich in ein österreichisches Benediktinerkloster eintreten würde, ist überhaupt nicht in Frage gekommen. Ich habe die Regel des heiligen Benedikt gelesen und wollte ein Kloster, das streng nach der Regel lebt. Da hat mir dann ein Freund in Amerika gesagt, dass ein neues Kloster gegründet wurde und die Mönche dort so leben wollen (Kloster Mount Savior, Bundesstaat New York). Ich bin hingefahren, war weniger als 24 Stunden dort und bin eingetreten. Das war ein großes Geschenk.
RB: Was sagen Sie Menschen, die ihr Leben nicht mehr als lebenswert empfinden?
Bruder David: Das Herzstück meiner Spiritualität ist hinzuhorchen, was mir das Leben jetzt in diesem Augenblick sagt und darauf antworten. Nicht Pläne zu haben, auch die besten Pläne sind nur Ablenkungen vom Augenblick. Bei den Debatten über Sterbehilfe betone ich immer, dass Ärzte den hypokratischen Eid leisten, dem Leben zu dienen. Mein Bruder war Herzchirurg, er hatte einen Patienten, der so schwer verletzt war, dass er dachte er könne ihm nicht mehr helfen. Der Vater des Mannes bat ihn, ihn zu behandeln, als ob es sein eigener Sohn wäre. Mein Bruder operierte ihn viele Male. Am Ende war für ihn wieder ein fast normales Leben möglich. Man weiß nie, was das Leben doch noch vorhat. Ich möchte für mich keine Wiederbelebungsmaßnahmen, ich wünsche mir einen sanften Tod, wenn das möglich ist.
RB: Würden Sie Ihr Leben noch einmal so leben?
Bruder David: Im Großen und Ganzen würde ich es noch einmal so wiederholen. Ich würde auf jeden Fall wieder Mönch werden wollen.
RB: Haben Sie Geburtstagswünsche?
Bruder David: Ich wünsche mir, dass sich alle meine Gratulanten wirklich freuen und nicht enttäuscht werden und dass ich selbst die Kraft habe, es durchzustehen.
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