
RB: Wie haben Sie persönlich das Regime erlebt? Warum flüchteten Sie aus dem Iran?
Yahya Sarkhani: Ich war als Bürgerrechts- und Umweltaktivist tätig. Deshalb wurde ich wiederholt von Sicherheitskräften verhaftet. Bei einer der Inhaftierungen wurde ich schwer verletzt und verlor unter Folter das Augenlicht auf einem Auge. Aufgrund des anhaltenden Drucks der Sicherheitsbehörden und eines in Abwesenheit gegen mich ergangenen Gerichtsurteils war ich 2023 gezwungen, aus dem Iran zu fliehen.
RB: Welche Gefühle hatten Sie, als Sie vom Angriff der USA und Israel auf den Iran hörten?
Sarkhani: Meine Gedanken waren zuerst bei Freunden und Kollegen, die aufgrund ihrer politischen und zivilgesellschaftlichen Aktivitäten hingerichtet oder ungerechtfertigt verurteilt wurden. Als Menschenrechtsaktivist lehne ich Krieg grundsätzlich ab, denn es sind die unschuldigen, wehrlosen Menschen – insbesondere Frauen und Kinder – die leiden und getötet werden. Im Fall des Iran glauben jedoch viele, dass die Umstände keinen anderen Ausweg lassen als eine Konfrontation, die letztendlich das Ende der Herrschaft der Islamischen Republik bedeuten könnte.
RB: Welche Nachrichten erhalten Sie über die Lage im Iran von Menschen vor Ort?
Sarkhani: Ich höre, dass viele Einwohner versuchen, sich in sichere Gebiete zu begeben, um sich vor möglichen Luftangriffen zu schützen. Außerdem wurde mir erzählt, dass beim Angriff auf das Geheimdienstbüro in Mahabad ein Vernehmungsbeamter getötet wurde, der mich während meiner Haft im Iran persönlich gefoltert hatte.
RB: Was sind Ihre Hoffnungen für die Zukunft des Iran, was die größten Befürchtungen?
Sarkhani: Wir hoffen auf einen demokratischen Iran – ein Land, in dem die Menschen friedlich leben können und in dem die iranischen Kurden ihre legitimen Rechte wahrnehmen und sich vollumfänglich am politischen und gesellschaftlichen Leben beteiligen können. Als kurdischer Journalist befürchte ich jedoch am meisten, dass die iranischen Behörden Städte in Kurdistan angreifen und massive Gewalt gegen Zivilisten verüben könnten.
RB: Scheint es für Sie denkbar, je wieder in den Iran zurückzukehren?
Sarkhani: Kürzlich wurde ich in Abwesenheit von einem iranischen Gericht zu 32 Mo-naten Gefängnis verurteilt – allein wegen meiner journalistischen Tätigkeit. Bevor ich überhaupt an eine Rückkehr denken kann, müssten tiefgreifende politische Veränderungen stattfinden und die demokratischen Rechte garantiert sein.
wissenswert
Der Krieg im Iran betrifft die ganze Region
Besonders aufmerksam blicken in diesen Tagen Vertreter der Initiative Christlicher Orient (ICO), die in Regionen wie Syrien, dem Libanon und dem Nordirak aktiv ist, in den Nahen Osten. „Es hat bereits eine Massenflucht eingesetzt, von der zum Teil auch Christinnen und Christen betroffen sind“, sagt ICO-Projektreferent Stefan Maier. Nahe Länder wie der Libanon könnten dadurch weiter in die Krise rutschen. „Der Libanon befindet sich inmitten der schlimmsten Krise seiner Geschichte, liegt mit einer katastrophalen Hyperinflation wirtschaftlich und sozial darnieder. Das Letzte, was man dort brauchen kann, ist jetzt wieder ein Waffengang, der die Infrastruktur zerstört, der unvorstellbare Not und Elend in der Bevölkerung auslöst. Dass diese durch den Raketenbeschuss der Hisbollah-Miliz im Libanon auf Israel zum wiederholten Male in einen militärischen Konflikt hineingezogen werde, ist eine Katastrophe für den Libanon“, so Maier. Seine größte Sorge: „Dass es in der Region wieder zu einem Flächenbrand kommt.“
Wer sich über die von der Bischofskonferenz anerkannte ICO informieren oder für Projekte spenden möchte, siehe: www.christlicher-orient.at
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