Im September 2025 pilgerte der Salzburger Erzbischof Franz Lackner, der dem Franziskanerorden angehört, drei Wochen lang am Franziskusweg. Er ging mit einem Begleiter, trug die Ordenskutte und seinen Rucksack selbst. Nach den 450 km Pilgerweg schrieb er, wie berührend es für ihn war, im Jahr der Hoffnung, auf den Spuren seines Gründers, dem hl. Franz von Assisi die Erfahrung der pilgernden Glaubensreise gemacht zu haben.
Ich bin gleich alt wie unser Erzbischof und bin, ohne von seiner Pilgerwallfahrt zu wissen, eine Woche nach seiner Rückkehr, auch zu zweit, den mittleren Abschnitt seines Franziskusweges – also quasi in seinen Spuren – gepilgert.
Wissen Sie, dass es in der Bibel ungefähr 300 Stellen gibt, wo über Engel gesprochen wird? Diese Boten nehmen aktiv am Heilswirken Gottes teil. Mein persönlicher Engel will nicht, dass ich das Ziel verfehle – nicht das große des Lebens und auch nicht das Ziel am Ende meines Pilgertages. Am Cammino Francescano nach Assisi war mein Schutzengel auch immer dabei und er machte sich einige Male bemerkbar.
Wie genial das Datum meiner Pilgerreise war, erkannte ich erst kurz vor deren Beginn: im Schutzengelmonat, in Vorbereitung auf das Erzengel- und Schutzengelfest und das Fest des heiligen Franz von Asissi.
Unsere Pilgerzeit war eingebettet in die heilige Messe: die erste feierten wir vor der Zugfahrt in der Franziskanerkirche inklusive Beichte, konnten eine Eucharistiefeier auch täglich in den Pilgerorten finden und empfingen den Leib Christi am Abend der Heimkehr in meiner Pfarre Aigen. Ohne (die tägliche) Eucharistie wäre mein Leben mittlerweile undenkbar; ist sie doch ein Vorgeschmack des Himmels und großes Geschenk Gottes an uns.
Meine erste Pilgerreise zu Fuß plante ich mit meiner guten Freundin, mit der ich schon einige Male solche mit dem Bus oder Auto erlebt hatte. Wir sind also ein bewährtes Pilgerteam und waren diesmal bereit für die andere Art des Pilgerns.
Unser Pilgerweg war nur 140 km lang, aber wer die Gegend zwischen San Sepolcro und Assisi kennt, weiß, dass die Natur hier eher „wild“ ist und öfters auch an die 700 Höhenmeter bewältigt werden müssen. Die Wanderung hinein nach Umbrien führt in das so genannte „grüne Herz Italiens“. Gerade diese Etappe des Franziskusweges schien mir eine sehr gute Möglichkeit zu sein, dem bedeutenden und sympathischen Heiligen des Mittelalters, den wir heuer feiern, näher zu kommen.
Als die Abreise mit dem Zug näher rückte, wurde ich etwas nervös. Vor allem, weil ich nicht sicher war, ob wir die Orientierung verlieren, unzählige Zusatzkilometer zurücklegen und bald zu erschöpft sein werden. Hatte ich da zu wenig an meinen himmlischen Begleiter gedacht? Beruhigung fand ich im Vorsatz, täglich viel zu beten, besonders auch den Rosenkranz, und zwischen den Zeiten des Rastens und Essens im Schweigen zu gehen. Das klang mir hilfreich, paradiesisch und erholsam.
Unser Camino begann um 22 Uhr mit der Zugreise von Salzburg aus, in Minikabinen des Nightjet, die uns ein wenig an Särge erinnerten, sich aber als recht angenehm herausstellten. Ab Florenz fuhren wir mit zwei Zügen und einem Bus zum ersten Ort unseres Franziskusweges und kamen am 21. September voll Vorfreude in San Sepolcro an. Für mich, als Kunsthistorikerin, war dieser Ort wegen des berühmten Renaissancemalers Piero della Francesca, besonders interessant. Dass gerade der Geburtsort des „Meisters der Stille“ Beginn meines Pilgerweges war, empfand ich als liebevolles Geschenk Gottes.
Es gibt einige Gründe, warum ich speziell den Franziskusweg pilgern wollte: Einerseits liebe ich die Schöpfung, dieses Geschenk der Schönheit von Flora und Fauna. Ich kann gut nachvollziehen, dass der heilige Franziskus sich verwandt fühlte, selbst mit dem Tod (weil dieser ja das Tor zur Herrlichkeit ist). Andererseits ist mein Alltag seit Jahrzehnten mit vielen Aufgaben gefüllt, die kaum Zeit zur Muße zuließen und zulassen.
Die sportliche Herausforderung war auch ein Grund für diesen Pilgerweg. Er wird als anspruchsvoll bezeichnet, führt er doch über, gelegentlich große, Höhenunterschiede. Da ich schon einige Male an Bergexerzitien teilnehmen konnte, war das für mich nicht abschreckend. Dass ich überhaupt in der Lage bin, mit fast 69 Jahren, so lange zu gehen, erfüllte mich mit Freude und Dank. Ich kann den nächsten Schritt einfach tun - da gibt es die Ahnung vom Ziel, auch vom großen, letzten.
Ein weiterer Grund war für mich die Sehnsucht nach Stille und der Wunsch, meine Gottesbeziehung neu zu beleben und zu vertiefen. Mein Herz war sozusagen neugierig auf Gottes Plan für mich auf diesem Weg. Seiner Fürsorge und Seiner Güte konnte ich mir sicher sein; aber auch Seiner möglichen Prüfungen und Überraschungen, um mich aus meiner Komfortzone und meinen Sicherheitsbedürfnissen zu locken.
Thomas von Aquin bezeichnete den Menschen als „homo viator“. Christ zu sein, ist ein Gehen in der Spur von Jesus Christus, der sich selbst als „der Weg“ bezeichnet. Wir sind also alle Pilger, sind das auch zu Hause. Wir wollen vor allem den richtigen Weg in die Ewigkeit, zu den himmlischen Wohnungen finden. Wir wollen die Heimat erreichen, das ewige Geliebt sein. Gott ist im ständigen Dialog mit uns, Er führt uns vom Denken über Gott zum Sein in Gott! Das war ein Ziel des Franziskusweges für mich: Schritt für Schritt, immer tiefer in die Herzensmitte Gottes zu kommen. Damit es gelingen kann, war mir bewusst, dass ich die innere Nahrung für meine Seele, das Gebet, pflegen sollte. Ich sehnte mich danach, Gott in der Stille meines Herzens zu hören und Ihm aus der Fülle meines Herzens zu antworten. Gerne wollte ich auch Dinge über mich selbst erkennen und reflektieren. Die Hoffnung auf Ruhe, Stille, Einsamkeit und Freiheit vom Alltag war zugleich meine Hoffnung auf Verinnerlichung des „pace e bene“, mit dem der „Poverello“ immer grüßend Segen gewünscht hatte.
Letztendlich will ich ja, sowohl am Lebensweg als auch am Pilgerweg in der Liebe wachsen. Das sehe ich als Sinn der Reise zum himmlischen Jerusalem und als Auftrag Gottes: die Vollendung des Glaubens in der Liebe. „Zu wem sollen wir gehen? Nur du hast Worte des ewigen Lebens“ (Joh 6,68) Der Wunsch anzukommen, begleitet jeden Pilger am Franziskusweg.
Nach ungefähr 20 km Tages Etappe bietet das Ziel Erholung, Zufriedenheit über das Angekommen sein und Freude über das Durchhalten. Sieben, die Zahl der Fülle übrigens, Orte erreichten wir im Laufe unseres Weges: Lama, Città di Castello, Pietralunga, Gubbio (nach Assisi war das mein Lieblingsort), Biscina, Valfabbrica und Assisi (wo wir 2 Tage verbrachten). Erleichternd für die langen Wanderungen war es, dass wir leichte und gemütliche Sportkleidung und nur einen kleinen Wanderrucksack für den Tag, mit Wasserflaschen, Jause, Regenjacke und Blasenpflaster, trugen. Letztere wurden sehr empfohlen, allerdings brauchten wir beide kein einziges davon, da das tägliche, abendliche Einmassieren der Füße mit Hirschtalgsalbe uns frei von Blasen sein ließ. Unsere Koffer wurden (durch ein Pilgerbüro organisiert) von Unterkunft zu Unterkunft transportiert. Es klappte hervorragend und wir waren täglich dankbar dafür. Die Bauchtasche beinhaltete das kleine Pilgerbuch, in dem unsere Etappe, mit den Übernachtungsorten und dem Zielort Assisi, verzeichnet war, etwas Geld, den Rosenkranz und das Handy.
Jeden Tag stellten wir für bestimmte Anliegen zur Verfügung: unsere eigenen und die Familien der Verwandtschaft; Kranke und Leidende (sozusagen jeder Schritt für Heilung, Linderung); Verantwortungsträger in Kirche und Politik, für die Kirche, den Papst, alle Priester; Kinder und Jugendliche, Ungeborene; Ehe und Sexualität; Frieden in den Herzen, Familien und in der Welt; die Anliegen der Gottesmutter und für alle Menschen, die unser Gebet brauchen.
Die gesamte Strecke stellten wir unter die Verse des Psalm 18 „Du führst mich hinaus ins Weite, du machst meine Finsternis hell“ und Psalm 121 half mir, mich von der gleichförmigen Zeitrechnung in die Gegenwart Gottes, in die Freude des Augenblicks zu bewegen.
Das bewusste und regelmäßige Atmen ist für die körperliche Herausforderung unumgänglich. Wie schön, dass da Worte wie: „Jesus, ich vertraue auf Dich“ oder nur „Jesus Christus“ den Atemrhythmus unterstützen konnten.
Auch die Stelle „Windhauch“ in Kohelet begleitete mich immer wieder. Alle Dinge sind rastlos tätig, Flüsse fließen, die Sonne geht auf und sie geht unter und Generationen kommen und gehen. Die Höhe gewinnen, oben ankommen und atmen, schauen, entspannen, vom Berg absteigen - und das immer wieder.
Die Landschaft, der Weg, das Wetter ist auch wie ein Bild für mein Leben: breite Straßen und enge Pfade, harter Asphalt und weicher, manchmal glitschiger, Boden, Landschaft offen/weit und enges Dickicht ohne Ausblick, total steil und gemütlich flach, Hügel hinauf und Hügel hinunter, oft gar nicht direkt zum Ziel, obwohl ich es sehen kann; Hitze und Windstille, kühle Luft und kalter Wind… ich könnte noch viele erlebte Momente aufzählen. Sie kennen das sicher selbst, lieber Leser, diese verschiedensten Weges-, Wetter- und Lebensmöglichkeiten.
Sowohl die Begegnung mit Gott als auch die mit den Menschen erfüllte mit Dankbarkeit. Wir trafen gar nicht so viele Pilger am Weg, diese dafür immer wieder. Wir erlebten durch diese verschiedenen Personen die Weltkirche im Kleinen; den Nächsten in all seiner Schwäche und Stärke. Manche Begegnungen waren Hinweise auf unsere Schutzengel:
Nach der Einsiedelei Monte Casale ging eine Pilgerin, mit der wir vorher kurz gesprochen hatten, extra 10 Minuten zurück, um uns den richtigen, verborgenen Wegweiser zu zeigen. Bei der recht langen Suche nach dem Quartier, das ein kleiner, herrlicher agriturismo war, begleitete uns letztendlich ein ziemlich älterer Italiener, um sicherzugehen, dass wir vor dem drohenden Regen gut ankamen.
Junge Pilger machten uns auf köstliche, wild wachsende Weintrauben und Feigen aufmerksam, die wir wohl übersehen hätten. Am Weg nach Gubbio kurbelte eine Italienerin extra das Autofenster herunter, um uns die schönere, deutlich kürzere Strecke zu erklären, die durch kein Schild erkennbar war; da konnten wir zugleich auch unser Vertrauen prüfen. Diese Beispiele sind nur einige von mehreren Schutzengelerlebnissen.
Gerne werde ich meinem himmlischen Beschützer wieder die Führung überlassen, wenn ich heuer im Herbst von Florenz nach San Sepolcro pilgere.