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Wieder an morgen glauben

Hunger nimmt Menschen mehr als nur Nahrung – er raubt Sicherheit und Hoffnung. Die Caritas Salzburg lenkt den Blick auf Familien im Nahen Osten, die auf Solidarität angewiesen sind.

29 ganze Ausgabe als ePaper lesen
Ingrid Burgstaller

Mitten in der Nacht wird Mona von einem ohrenbetäubenden Lärm geweckt. Luftangriffe erschüttern ihr Dorf im Süden des Libanons, nahe der Grenze zu Israel. Wenige Minuten später ruft ihr Sohn an. „Er sagt nur: Du musst fliehen – nimm das Allernötigste mit und verlasse sofort das Haus“, erinnert sich die 68-Jährige. Gemeinsam mit ihrer Schwiegertochter und drei Enkelkindern wird Mona zum Flüchtling in ihrem Heimatland. Zwei Tage ist die Familie unterwegs, ehe sie in einer Sammelunterkunft in Libanons Hauptstadt Beirut Schutz findet. Dort lebt sie bis heute auf engstem Raum mit anderen Vertriebenen. Am meisten sorgt sich Mona um die Kinder. „Sie können hier nicht zur Schule gehen und warten nur darauf, wieder nach Hause zu können. Ich wünsche mir so sehr ein normales Leben für sie“, sagt die Großmutter.
Geschichten wie jene von Mona stehen stellvertretend für das Leid von hunderttausenden Menschen im Libanon und Millionen weltweit. Im Sommer lenkt die Caritas den Blick auf eine Krise, die oft wenig Beachtung erhält: Hunger. Für viele Familien ist er die unmittelbare Folge von Krieg, Flucht, Klimawandel und Armut.


Unterricht fällt aus 


„Katastrophen brauchen Aufmerksamkeit. Und finanzielle Unterstützung“, betont Kurt Sonneck, Direktor der Caritas Salzburg. Er verweist auf die dramatische Situation im Libanon, einem Schwerpunktland der Salzburger Auslandshilfe. Die Menschen müssen mit einer dreifachen Krise umgehen: Krieg, wirtschaftliche Not und politische Instabilität. Die Folgen sind verheerend. Seit der jüngsten Eskalation wurden tausende Menschen getötet oder verletzt, mehr als eine Million Menschen innerhalb des Landes vertrieben. Fast drei Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, rund ein Viertel der Bevölkerung leidet unter akuter Ernährungsunsicherheit. Die geflüchteten Menschen leben in Turnhallen, Moscheen oder halbfertigen Häusern. Wasser und Strom sind in diesen Behelfsquartieren oft nicht vorhanden.
Besonders hart trifft es die Jüngsten. Sie haben keinen Zugang zu Schulen, da diese ebenfalls als Notunterkünfte genutzt werden. „Für die Kinder ist das besonders bitter, weil sie sowohl ihr Daheim als auch ihre Zukunft verlieren“, sagt Sonneck. Gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen leistet die Caritas zuallererst Nothilfe: Lebensmittel, Trinkwasser, Hygieneartikel, medizinische Versorgung, Unterkünfte und psychosoziale Betreuung. Allein im Libanon wurden mehr als 256.000 warme Mahlzeiten verteilt sowie tausende Menschen medizinisch betreut. Gleichzeitig wird daran gearbeitet, Bildungsangebote zu schaffen, die den Kindern trotz Flucht und Unsicherheit wieder ein Stück Alltag und Normalität ermöglichen.


Flucht als einzige Möglichkeit


Neben dem Libanon richtet die Caritas Salzburg ihren Fokus auch auf Ägypten. Das Land ist das Ziel für mittlerweile 1,5 Millionen Menschen, die aus dem Sudan vor dem Krieg geflohen sind. Die meisten von ihnen sind Kinder mit ihren Müttern. Eine von ihnen ist Hanan. Sie kam alleine mit ihrer Tochter in Kairo an und stand vor dem Nichts. „Ich war völlig verzweifelt: Essen, Miete – ich wusste nicht, wie ich das schaffen sollte. Die Hilfe der Caritas war ein Wendepunkt. Meine Tochter kann nun zur Schule gehen, und wir können dank der regelmäßigen Unterstützung unsere Fixkosten bezahlen. Wir können wieder an morgen glauben.“ 
Die Regierung bringt die sudanesischen Flüchtlinge nicht in Lagern unter. Die Menschen müssen sich wie Hanan Wohnungen in der Hauptstadt mieten und sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen.


Teil eines Netzwerks


Hanan und ihre Tochter profitieren zudem von „LEO“. Das Projekt eröffnet geflüchteten Kindern, Jugendlichen und ihren Familien Zukunftsperspektiven. Rund 700 Kinder im Alter von sechs bis 18 Jahren erhalten wieder Zugang zur Schulbildung. Weitere 175 junge Erwachsene nehmen an Berufs- und Ausbildungskursen teil. „Bildung und Zukunft sichern und für Kinder und Jugendliche Perspektiven schaffen – das ist für uns entscheidend“, sagt Claudia Prantl, Leiterin der Auslandshilfe der Caritas Salzburg. „LEO“ finanziere das ganze Paket: Schulbesuch, Transport, Lernmaterialien, Mittagessen und Nachhilfe. Für die Familien bedeute das weit mehr als finanzielle Entlastung. „Die Kinder erleben endlich wieder einen Alltag. Lange Zeit kannten sie nur Flucht, Hunger und Angst“, so Prantl. 
Ebenso wichtig sei die psychosoziale Begleitung. Kinder wie Erwachsene hätten Krieg, Gewalt und Vertreibung erlebt und müssten diese Erfahrungen verarbeiten. „Die Menschen haben einen irrsinnigen Bedarf an moralischer und psychologischer Unterstützung.“ Ziel sei es, ein stabiles Umfeld aufzubauen und vor allem für die Kinder den Grundstein für eine bessere Zukunft zu legen. Angesichts von Millionen Betroffenen wirken 700 Kinder, die die Caritas durch „LEO“ erreicht, wie ein kleiner Beitrag. Doch Claudia Prantl verweist auf die Bedeutung jeder Hilfeleistung. „Jeder einzelne Mensch ist es wert und macht einen Unterschied.“ Gleichzeitig sei die Caritas Teil eines weltweiten Netzwerks, das deutlich mehr Menschen erreichen könne. „Gemeinsam können wir auch in großen Krisen einen Unterschied machen.“ 


Jede Zahl ist ein Mensch


Kurt Sonneck schlägt in dieselbe Kerbe und unterstreicht noch einmal die Botschaft hinter allen Aktionen gegen den Hunger: Jede Zahl sei ein Mensch mit einer eigenen Geschichte. Es gehe um Menschen wie Mona oder Hanan, die alles verloren haben und dennoch hoffen können, wenn sie Hilfe bekommen. „Wir können nicht alle Krisen lösen. Wir können jedoch verhindern, dass Hunger und Armut das letzte Wort behalten.“

 

 

Die Hungerkampagne ist eine österreichweite Sammelaktion. 673 Millionen Menschen auf der Welt hungern – als Folge von Krieg, Flucht, Klimakrise ...
Seit mehr als 30 Jahren engagiert sich die Caritas Salzburg vor allem in ihren Schwerpunktländern Syrien, Ägypten und Libanon.


Am Freitag, 31. Juli, 15 Uhr, werden in ganz Österreich Kirchenglocken für fünf Minuten läuten. Das Läuten – zur Sterbestunde Jesu – soll darauf aufmerksam machen, dass täglich Menschen an Hunger sterben und wir alle zum Kampf dagegen aufgerufen sind. Im Bild: die Salzburger Caritas-Spitze, Kurt Sonneck und Andrea Schmid, 
mit Erzbischof Franz Lackner.

 

Wissenswert

 

Für eine Zukunft ohne Hunger:
Jede Hilfe macht einen Unterschied im Leben von Menschen in Not. 

Infos unter: 
www.caritas-salzburg.at

 

 

 

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Ausgabe 29_30 | 2026


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