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RB: Worüber sprechen wir eigentlich, wenn es um Werte geht?
Hans Joas: Die meisten Menschen wissen, dass gute Vorsätze auf Dauer nicht helfen, um das Gute zu tun – ebenso wie man mit Moralpredigten in der Erziehung nicht viel erreicht. Werte hingegen und unsere Bindung an Werte, kommen nicht durch Absicht zustande. Es passiert etwas mit uns, wenn wir uns gebunden fühlen, ich verwende das altmodische deutsche Wort „man wird von etwas ergriffen“. Es erscheint uns offensichtlich und leuchtet ein, dass etwas das Gute oder das Böse ist. Werte sind keine Normen, die etwas untersagen, also restriktiv sind. Werte sind attraktiv, in dem Sinn, dass ein Mensch so ergriffen ist, dass er das Gute tun will.
RB: Unterliegen Werte mit der Zeit Veränderungen?
Joas: Lange Zeit wurde gedacht, das Gute sei etwas, das einfach „ist“. Was sich historisch änderte, sei das Ausmaß, in dem Einzelne oder ganze Gesellschaften dieses Gute erkennen und sich daran orientieren. Der begriffliche Wandel von dem einen „Guten“ zu den Werten signalisiert dagegen eine Historisierung des Denkens. In meinem letzten Buch habe ich mich deshalb der Geschichte der Wertvorstellung, dass alle Menschen die gleiche Würde hätten, einer universale Menschenwürde, gewidmet. Das ist nicht einfach ein allgemeingültiger Wert, sondern die Zahl der Menschen, die sich daran orientieren, kann sehr beschränkt sein. Ein Beispiel dafür ist die Naziherrschaft. Da war die universale Menschenwürde ein Wert, der nur noch von einer Minderheit verfochten wurde.

RB: Welche Bedeutung kommt Religionen für die Werteentwicklung zu?
Joas: Es gab in Europa bis zum 18. Jahrhundert keine religionslosen Kulturen. Dann setzten massive Prozesse der Schwächung von Religion ein, die sich bis heute immer weiter verstärkt haben. Es sind nur bestimmte Religionen, die sich auf das Wohl aller Menschen hin orientieren. Christinnen und Christen etwa sind nicht nur aufgerufen, das Wohl anderer Christen zu bedenken, sondern das Wohl aller Menschen, ob sie Christen sind oder nicht. Um ein moralisch guter Mensch zu sein, muss man nicht religiös sein. Es gibt religiöse Menschen, die moralisch nicht gut handeln genauso wie nichtreligiöse Menschen, die moralisch gut handeln.
RB: Wertevermittlung passiert in Institutionen wie der Familie. Welche Rolle spielen Pädagoginnen und Pädagogen, wenn es darum geht, jungen Menschen Orientierung zu geben?
Joas: Wertevermittlung hat eine personale Dimension. Es muss in der Erziehung eine glaubwürdige persönliche Verkörperung der Werte, die vermittelt werden sollen, eine zentrale Rolle spielen. Gandhi etwa versuchte, nicht nur Gewaltlosigkeit zu predigen, sondern sie zu verkörpern.
Eine andere Dimension ist die institutionelle. Ich weiß, wie es in Berlin ist, wenn Schulgebäude verkommen und schlecht gepflegt sind. Das hat einen negativen Effekt auf Bildungs- und Wertevermittlungsprozesse. In diese Dimension gehört auch wirksame Mitbestimmung etwa von Studierenden.
Wesentlich ist weiterhin die glaubwürdige Artikulation der Werte auf intellektueller Ebene. Man darf nicht sagen, Demokratie sei ein hoher Wert und dann Zustände billigen, in denen Menschen das Gefühl haben, sie dürften demokratisch nicht mitbestimmen.
RB: Was möchten Sie Gutes mit Ihrer Forschung bewirken?
Joas: Ich bin selbst ergriffen und begeistert von der Vorstellung, dass wir an das Wohl aller Menschen zu denken haben und nicht nur an das Wohl der uns Nahestehenden. Ich will mit meiner Forschung und meinem Schreiben dazu beitragen, dass der Wert der universalen Menschenwürde andere Menschen tatsächlich ergreift.
Lesen Sie dazu den Buchtipp auf Seite 22!
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