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Wird Gewalt durch Religionen legitimiert?

Franz Winter, Institut für Religionswissenschaft der Karl-Franzens-Universität Graz.
Franz Winter, Institut für Religionswissenschaft der Karl-Franzens-Universität Graz.

In einer Zeit der Kriege und Krisen müssen sich auch die Religionsgemeinschaften hinterfragen. Wäre eine Welt ohne Religionen vielleicht sogar friedfertiger?

Thomas Manhart

Salzburg. Wie für so viele andere Bereiche gilt auch für das komplexe Verhältnis zwischen Religionen, Gewalt, Krieg und Frieden: Einfache Antworten gibt es nicht. So wie sich der öffentliche Diskurs an den Polen und Extrempositionen reibt,  führt auch der Grazer Religionswissenschaftler Franz Winter bei einer Tagung im Salzburger Bildungszentrum St. Virgil aus: „Es kann prinzipiell festgestellt werden, dass Religionen in ihrer Geschichte sowohl Quelle von Gewalt als auch Quelle von Gewaltverweigerung waren.“

Religionen waren in ihrer Geschichte sowohl Quelle von Gewalt als auch Quelle von Gewaltverweigerung.

Auch in den Heiligen Schriften seien oft sehr ambivalente Botschaften enthalten. Zum einen würden gewaltfreie Prinzipien wie Frieden und Nächstenliebe betont, zum anderen wird Gewalt in bestimmten Kontexten gerechtfertigt: „Sei es als Schutz der Gemeinschaft oder als Ausdruck göttlicher Ordnung. Man muss festhalten, dass hier einige Texte – auch unter Berücksichtigung des Kontextes – ein Problem darstellen.“

 

Keine Unschuldsvermutung

 

Zur These der per se „guten, wahren, friedlichen Religionen“, die zur Legitimation von Gewalt nur durch geschickte Akteure instrumentalisiert oder missbraucht würden, sagt Franz Winter: „Ich halte solche Aussagen angesichts des historischen Befundes und auch angesichts der aktuellen Ereignisse für hochproblematisch. Das gibt die Geschichte der Religionen und religiösen Traditionen einfach nicht her.“ Namhafte Autoren führen dazu aus: „Religiöse Gruppen können durch die Schaffung eines Wir-Gefühls und das Formieren einer Gemeinschaft auch sehr stark die Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen betonen – und damit Konflikte schüren, die auch gewaltsam ausgetragen werden können. Von einer grundsätzlichen Unschuld von Religionen und den Religionstraditionen kann also nicht ausgegangen werden.“

 

Auch Vorurteile halten nicht

 

Stimmt also die gegensätzliche Annahme, dass Religionen in ihrem Kern gewaltaffin wären, wie es heute etwa dem Islam unterstellt wird? Franz Winter kann auch dieser These wenig abgewinnen: „Wenn das wirklich so wäre, würde man sich zurecht die Frage stellen, wie Religionen über Jahrtausende so bedeutende Faktoren in der Menschheitsgeschichte werden konnten? Und wie Religionen – was sie ja nachweislich gemacht haben – stabile Gesellschaften hervorbringen konnten?“

 

Religion ist nur ein Faktor

 

Zur Frage „Wird Gewalt durch Religionen legitimiert?“ müsse man letztlich immer die Verwebung mit politischen, wirtschaftlichen und sozialen Faktoren betrachten. So habe etwa die Säkularisierung, also die Trennung von Religion und Politik, in modernen Gesellschaften nicht automatisch zu einer Reduzierung von Gewalt geführt. „Wenn man sagt ,Nehmen wir die Religion mal aus dem Spiel‘ führt das keineswegs zu einer friedfertigen Welt“, betont Franz Winter mit dem Blick auf die Gewaltgeschichte der Menschheit.    

 

Mit dem Fazit des Religionswissenschaftlers schließt sich der Kreis zum Anfang der Ausführungen: „Religionen haben ausreichend Potenzial, um aus sich heraus Gewalt zu legitimieren. Sie sind aber mit vielen anderen Faktoren verwoben, die ebenfalls Gewalt hervorbringen können. Religion kann nicht nur Quelle von Gewalt sein, sie kann auch zur Begrenzung von Gewalt beitragen.“

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Ausgabe 18 |2026


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