Aktuelles E-Paper
Wenn du etwas anderes haben willst, musst du etwas anderes tun! Der oft Paul Watzlawick zugeschriebene Satz beschreibt eindrucksvoll, wie Shubhra Dwivedy ihr Leben gestaltet. Die Sozialwissenschafterin stammt aus dem indischen Bundesstaat Jharkhand. Hier arbeitet sie für tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen. 1995 gründete die engagierte Kämpferin für Frauen- und Kinderrechte die Organisation SEEDS (Socio Economic and Education Development Society). „Studieren zu dürfen war für mich ein Privileg. Ich wollte dieses Wissen mit jenen teilen, die am Rand der Gesellschaft stehen – mit der indigenen Bevölkerung, besonders mit Kindern und Frauen“, erzählt sie. Gerade Letztere tragen in der patriarchal geprägten Gesellschaft die schwerste Last: harte Arbeit, kaum Mitsprache, wenig Anerkennung.
Shubhra setzt jedoch nicht auf Konfrontation, sondern auf Zusammenarbeit. „Ihr Zugang ist bemerkenswert partnerschaftlich. Der Fokus liegt nicht ausschließlich auf Frauen“, betont Renate Orth-Haberler, Leiterin der Katholischen Frauenbewegung (kfb) in der Erzdiözese. „Shubhra und ihr Team sind überzeugt: Veränderung gelingt nur, wenn auch Männer, Kinder und Jugendliche einbezogen werden. Gemeinsam wird überlegt, wie Aufgaben in der Familie fair verteilt werden. Zu hören, wie sie das umsetzt, war äußerst beeindruckend.“ Die kfb-Frau spricht den Besuch der SEEDS-Geschäftsführerin beim Diözesantag in Salzbug an.
„Die Workshops zeigen Wirkung“, bestätigte Shubhra damals. Sie verweist auf die Kurse, in denen Männer kochen und lernen. Schritt für Schritt übernehmen sie Verantwortung für Haus- und Sorgearbeit, die bisher fast ausschließlich Frauen zugeschrieben wurde. „Das bestärkt uns darin, Herausforderungen nicht isoliert zu betrachten. Jede und jeder kann etwas beitragen“, fasst Orth-Haberler den Projektpartnerinnen-Besuch zusammen. Dass Öster-
reich von Indien lernen kann, zeigt ein Blick auf eine einzige Zahl: Laut Momentum Institut leisten Frauen hierzulande 64 Prozent der unbezahlten Sorgearbeit.
Damayanti ist stolz auf ihre Mutter Joba. Als SEEDS-Expertin klärt sie Frauen über ihre Rechte auf. Früher erlebte das Mädchen sie völlig anders. Gewalt prägte den Alltag der Familie. Der Vater war Alkoholiker, die Mutter ertrug seine Schläge und schämte sich. Durch andere Frauen aus dem Dorf lernte sie nach und nach, ihr Schweigen zu durchbrechen. Sie schloss sich SEEDS an, das veränderte ihr Leben – und auch das Leben von Damayanti.
Nur wer seine Rechte kennt, kann sie einfordern. Nach diesem Grundsatz nehmen die Frauen ihre Zukunft selbst in die Hand und fordern gesellschaftliche Teilhabe ein. Doch Wissen allein reicht nicht. Es braucht Werkzeuge, um es anzuwenden. SEEDS stellt sie Frauen wie Joba zur Verfügung. Als „Barefoot Counselor“ ist sie eine wichtige Vertrauensperson für Frauen in den Dörfern – gerade weil sie ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Dreh- und Angelpunkt der Arbeit sind die Frauenforen: geschützte Räume, in denen sensible Themen wie Partnergewalt oder Gesundheitsfragen offen angesprochen werden können.
Mittlerweile ist SEEDS in 131 Dörfern in Jharkhand aktiv. Rund 3.000 Frauen engagieren sich dort für ein Leben ohne Gewalt, für Selbstbestimmung und Gleichberechtigung. Niederschwellige Angebote sind dabei der Schlüssel zum Erfolg, denn viele der Frauen können nicht lesen und schreiben.
Besonders stolz ist SEEDS‑Gründerin Shubhra Dwivedy auf acht Modelldörfer. Jahrzehntelange, beharrliche Arbeit hat dort sichtbare Fortschritte in Richtung Geschlechtergerechtigkeit ermöglicht: Mädchen gehen selbstverständlich zur Schule, Kinderehen sind deutlich zurückgegangen. Frauen sind in Entscheidungsprozesse eingebunden und unterstützen einander bei Behördenwegen und in Konfliktsituationen. Die kontinuierliche Präsenz von SEEDS und die aktive Einbindung der Männer haben Verhaltensweisen und Einstellungen spürbar verändert. Das Ergebnis ist ein neues Gefühl von Zusammenhalt – getragen von den starken Stimmen der Frauen und der Einsicht vieler Männer, dass ein Leben ohne Gewalt und Alkohol friedlicher und freudvoller ist.
„Es geht darum, sich gegenseitig zu stärken. Wenn Männer sehen, dass ihr Nachbar oder Freund sein Verhalten und traditionelle Rollenbilder hinterfragt, kann das etwas in Bewegung setzen“, betont kfb‑Leiterin Renate Orth-Haberler. Dieses Teilen von Erfahrungen entspricht dem Motto des Familienfasttags: „Beteiligung kommt von Teilen.“ Das Beispiel Indien zeigt eindrucksvoll, wie wichtig es ist, Frauen zu stärken, damit sie ihre Anliegen vertreten und ihre Gesellschaft aktiv mitgestalten können. Dieses Ziel verbindet Frauen in Indien und Österreich. Und: Wenn Frauen zusammenhalten, können sie Unvorstellbares erreichen.
Die Themen des Familienfasttages in Österreich in die Gesellschaft zu tragen, ist eine Aufgabe, die vor allem die Frauen in den Pfarren übernehmen. „Es ist beeindruckend, wie viele Frauen – und auch Männer – sich in den Dienst der guten Sache stellen“, würdigt Renate Orth-Haberler ihr Engagement. Die Spenden, die bei den Suppenessen für Projekte wie jenes in Indien gesammelt werden, seien unverzichtbar. „Gleichzeitig bildet sich durch die Aktion so viel an Gemeinschaft, und dafür bin ich einfach sehr dankbar.“
Gemeinschaft macht die Aktion Familienfasttag so erfolgreich.
Für sie und das gesamte Team der Katholischen Frauenbewegung steht die Fastenzeit naturgemäß im Zeichen des Familienfasttages und der Fastensuppenessen. Orth-Haberler hat sich vorgenommen, die Wochen bis Ostern zudem bewusst als Zeit des Übergangs zu gestalten. „Dazu gehört für mich, auszusortieren, Ballast loszulassen und mit neuer Klarheit Herausforderungen anzugehen.“ Fokussiert ein Ziel zu verfolgen – die besten Vorbilder dafür seien die Frauen von SEEDS.

wissenswert
„Adivasi“ nennen sich die ursprünglichen Bewohnerinnen und Bewohner der Wald- und Bergregionen Indiens. Insgesamt macht diese indigene Gemeinschaft 8 Prozent der indischen Bevölkerung aus. Sie leben unter anderem im östlichen Bundesstaat Jharkhand, einer der rohstoffreichsten Regionen im Land. Der Wohlstand, der aus Kohle und Erzabbau generiert wird, kommt ihnen aber nicht zugute, im Gegenteil. Die diesjährige Partner-innenorganisation der kfb, SEEDS, hat zukunftsweisende Wege des Zusammenlebens und -arbeitens entwickelt. Frauen spielen dabei eine entscheidende Rolle.
teilnehmen
Benefizsuppenessen: „Beteiligung kommt von Teilen“ am Freitag, 27. Februar, 12 Uhr, Kapitelsaal Salzburg.
Anmeldung: margareta.walder-grabner@eds.at
Benefizsuppenessen in Wörgl, 12 Uhr, Donnerstag, 5. März, Tagungshaus der Erzdiözese Salzburg in Wörgl.
Anmeldung: tania.zawadil@eds.at
Fastensuppenessen in den Pfarren!
www.kfb-salzburg.com
Aktuelles E-Paper