Zu den bereichernden Seiten meiner Arbeit als Weltanschauungsreferent gehört, mich mit dem zu beschäftigen, was Menschen im Glauben wichtig ist, was ihnen Halt gibt und Orientierung bietet. Je nachdem, welchen Stellenwert der Glaube im eigenen Leben einnimmt, bemühen sich Menschen, nach den religiösen Lehren und Vorschriften zu leben und ihren Alltag entsprechend zu gestalten. Wie man den Glauben dabei „richtig“ lebt, hängt stark vom eigenen Blickwinkel ab. Mit einem eher „liberalen“ Blick kommt man zu anderen Ergebnissen als mit einem eher „konservativen“.
Grundlage unseres christlichen Glaubens sind die Heilige Schrift und die Lehre der katholischen Kirche. In einem lebenslangen Prozess der Aneignung dieser Grundlagen wird daraus unser persönlicher Glaube. Für eher „konservativ“ eingestellte Christinnen und Christen steht dabei das wortgetreue Festhalten an biblischen Vorgaben und kirchlichen Lehren im Vordergrund. Eher „liberal“ geprägte Gläubige hingegen versuchen, die Lehren der Bibel und der Kirche kontextbezogen ins Heute zu übertragen und aktuelle gesellschaftliche, kirchliche und theologische Entwicklungen in ihre Überlegungen miteinzubeziehen.
In einer Zeit, die geprägt ist von gesellschaftlichen, weltpolitischen und wirtschaftlichen Veränderungen, und in der vieles, was früher als selbstverständlich angesehen wurde, in Frage gestellt wird, bleibt Glaube so und so eine Herausforderung. Während „konservative“ wie „liberale“ Gläubige versuchen, ihren Glauben in und mit der Gesellschaft zu leben, gehen fundamentalistische Strömungen andere Wege. Fundamentalisten flüchten in die scheinbare Sicherheit von fix vorgegebenen Lebensformen und Lehraussagen, die auf angeblich absoluten Fundamenten ruhen. Dabei wird der Entwicklungsstand von Theologie und Gesellschaft eines bestimmten Punktes der Geschichte herausgegriffen und als Idealbild vorgestellt. Es wird versucht, die damals gültige „gute Ordnung“ im Heute wiederherzustellen. Das zu Glaubende wird dabei oft auf einzelne ausgewählte Positionen „verkürzt“ – mit vermeintlich endgültigen Antworten auf alle Lebensfragen.
Der Preis des Fundamentalismus ist, dass andere Glaubende dadurch abgewertet und vom Heil ausgeschlossen werden.
Fundamentalistische Einstellungen entstehen oft aus Unsicherheit und Angst. Menschen suchen nach eindeutigen Werten und Glaubenssätzen, die ihnen Sicherheit versprechen. Diese finden sie in charismatischen Vertrauenspersonen, Privatoffenbarungen oder rigiden Vorschriften und Gruppendynamiken. Der Preis ist, dass anders Glaubende dadurch abgewertet und vom Heil ausgeschlossen werden. Aber: Es gibt nicht nur den einen Weg, der zu Gott führt.

Johannes Sinabell ist Theologe und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Weltanschauungsfragen.
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