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Salzburg. Verwundbarkeit sowohl als Herausforderung als auch als Ressource für ein gelingendes Leben – dieser Gedanke stand im Mittelpunkt der Österreichischen Pastoraltagung, die traditionell zu Jahresbeginn als Fixpunkt der kirchlichen Erwachsenenbildung stattfindet. Aufgegriffen wurden politische, soziale, theologische und spirituelle Perspektiven zum Thema. „Verwundbarkeit gehört zum Menschsein und ist angesichts aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen ein zentrales pastorales Thema“, betonte in diesem Sinne Josef Marketz, Referatsbischof für Pastoral der Österreichischen Bischofskonferenz. Gerade in „Zeiten der Perfektion“ sei die Erinnerung an die eigene Verwundbarkeit wichtig. Sie zeige sich nicht nur im Scheitern, sondern auch dort, wo man vertraue und liebe.
Veronika Prüller-Jagenteufel, theologische Referentin der Caritas St. Pölten, sagte zur Einführung: „In der Bibel, bei Jesus Christus, ist Verwundbarkeit kein Makel – sie ist der Raum, in dem Gottes Nähe erfahrbar wird.“ Christliche Spiritualität wolle letztlich eine Kraftquelle dafür sein, sich für eine weniger verletzende Welt einzusetzen.
Warum Wertschätzung und ein weniger verletzendes Umfeld so wichtig seien, führte der bekannte Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller in seinem Vortrag zur unterschätzten Macht von Kränkungen aus. „Kränkungen arbeiten im Hintergrund der Psyche weiter“, skizzierte er eine Art Mikrotrauma. Kleine, alltägliche Verletzungen würden gerade durch ihre Häufigkeit „eine gigantische psychische Last“ erzeugen. „Jeder kennt es, jeder tut es“, sagte Haller und zitierte die Ordensfrau Hildegard von Bingen: „Was kränkt, macht krank; was beleidigt, erzeugt Leid.“
Kränkungen könnten psychosomatische Erkrankungen auslösen, bei Suchterkrankungen eine Rolle spielen oder Liebe in Hass verwandeln. Sie seien Auslöser für Aggression, wie sie sich letztlich auch in Konflikten, Attentaten oder den jüngsten Schul-Amokläufen zeige. Haller erinnerte dabei an den biblischen Vers „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mt 22,39), der Eigen- und Nächstenliebe in ein Gleichgewicht bringe.
Auf das Spannungsverhältnis von Urvertrauen und Urängsten verwies in diesem Kontext die Schweizer Psychoonkologin Monika Renz, derzufolge Verwundbarkeit in der frühen menschlichen Entwicklung wurzelt: „Die frühe Prägung bildet den Hintergrund für viele spätere Verletzungen und Ängste.“ Heilung geschehe dort, wo Menschen wieder berührbar werden, ihre Wunden zeigen und sich einem Prozess der Bewusstwerdung öffnen. Jesus habe diesen Weg exemplarisch durch Hingabe, Gewaltlosigkeit und eine Gottesbeziehung gelebt – und so die Urangst überwunden.
„Im Kreuzestod Jesu wird ein Ort radikaler Verletzlichkeit zugleich zum Ort einer neuen Gotteserfahrung“, führte daran anschließend der emeritierte Linzer Dogmatikprofessor Franz Gruber aus. Aus einer systematisch-theologischen Perspektive bedeute Erlösung nicht die Abwesenheit von Leid oder Gewalt, sondern die Zusage von Vergebung und Heilung – für Opfer wie Täter. Trotz fortbestehender Verletzungen bleibe Liebe jene Kraft, die Angst, Tod und Gewalt durchbrechen könne. Ergänzend erwähnte er den schöpfungstheologischen Zugang. Der Mensch sei jenes Wesen, das Empfindsamkeit nicht nur für sich selbst, sondern auch für Mitmenschen, Tiere und die Umwelt trage, so Gruber.
Ein Aufruf zu Selbstkritik und mehr politischer Theologie kam bei der Pastoraltagung von der Innsbrucker Theologin Michaela Quast-Neulinger. Christinnen und Christen dürften angesichts einer zunehmenden (politischen) Instrumentalisierung des Christentums zur Legitimation von Macht, Gewalt und Ausgrenzung nicht länger schweigen. Glaube impliziere immer auch Weltgestaltung und sei politisch, „weil Gläubige nach einer Veränderung der Welt hin zum Guten streben“. Sie ortet in der Welt Varianten eines Machtchristentums sowie Koalitionen von evangelikalen Nationalisten, inklusive Rassismus und Frauenhass: „Was als schwach, arm, weibisch gilt, wird lächerlich gemacht, ausgestoßen und im äußersten Fall vernichtet. In Gedanken, in Worten, in Werken.“ Ein Mangel an Empathie führe zu einem geschlossenen, totalitären System, warnte Quast-Neulinger.
Für mich ist die Tagung ein bisschen wie ein Familientreffen. Man freut sich, dass man sich wieder sieht. Viele Gesichter sind schon lange bekannt, neue kommen hinzu.
Mit einer großen Bandbreite präsentierte sich die Veranstaltung einmal mehr als Ort der Inspiration, aber auch der Vernetzung. „Für mich ist die Pastoraltagung ein bisschen wie ein Familientreffen. Man freut sich, dass man sich wieder sieht. Viele Gesichter sind schon lange bekannt, neue kommen hinzu. Es ist ein Heimkommen“, sagte Wolfgang F. Müller,
Stabstelle für pastorale Grundsatzfragen der Erzdiözese Salzburg, zum Abschluss.
Besonders berührt hätten ihn die Ausführungen der Psychologin und Psychotherapeutin Katja Schweitzer, die zu Beispielen aus der Arbeit der Salzburger Telefon- und Chat-Seelsorgestelle „kids-line“ referierte und die vielen Arten jugendlicher Verwundbarkeit in den Fokus rückte: durch Ausgrenzung („das Gefühl, nicht dazu zu gehören“), durch Selbstzweifel („bin ich genug, bin ich liebenswert“), durch Abhängigkeit (vom familiären, Ausbildungs- und Schul-System) bis hin zu Gewalterfahrungen und Suizidgedanken. Viele Jugendliche hätten große Angst vor der eigenen Verletzlichkeit und könnten nicht wie Erwachsene „auf die Bewältigung vergangener Krisen zurückblicken“. Ein typischer Wunsch krisenbelasteter Kinder am Telefon sei etwa: „Kannst du mir ,Gute Nacht‘ wünschen?“ Angesichts traumatischer Verletzungserfahrungen bleibe in der „kids-line“ oft nur ein abschließender Satz zu sagen: „Es kann wieder gut werden. Auch wenn es nicht so wird, wie es vorher war.“
mig/tom/kap
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