RB: Ende Juli geben Sie die Leitung des Seelsorgeamts der Erzdiözese ab. Ganz ziehen Sie sich nicht zurück, sondern wechseln in einen Pfarrverband. Warum dieser Schritt?
Lucia Greiner: Ich habe mich intensiv mit der Frage beschäftigt, wie ich die kommende Lebensphase gestalten möchte. Ich fühle mich gesundheitlich gut und wollte das, was ich gelernt und erfahren habe, weiterhin einbringen. Mir war wichtig, einen Ort zu finden, an dem pastorale Arbeit unmittelbar geschieht. Deshalb hat mich die Pfarrebene besonders angesprochen. Dort kann ich Erfahrungen einbringen und noch einmal neue Perspektiven gewinnen.
RB: Was nehmen Sie aus Ihren Jahren in der Diözesanleitung mit?
Greiner: Vor allem die Erfahrung, dass persönliche Begegnungen vieles verändern. Wer Menschen in Leitungsverantwortung näher kennen lernt, entwickelt oft ein anderes Bild als jenes, das man von außen hat. Zusammenhänge werden verständlicher. Dafür braucht es allerdings Interesse, Austausch und die Bereitschaft, miteinander im Gespräch zu bleiben.
RB: Auf welche Entwicklungen blicken Sie besonders gerne zurück?
Greiner: Spannend finde ich die Entwicklung beim Thema missionarische Pastoral. Vor zehn Jahren war dieser Begriff noch sehr belastet, weil man ihn mit Übergriffigkeit oder Glaubensüberheblichkeit verbunden hat. In der Auseinandersetzung damit ist klar geworden, dass es eigentlich um einen Grundvollzug kirchlichen Lebens geht. Heute wächst das Bewusstsein, dass der Glaube nicht etwas ist, das man wie ein Paket weitergibt. Glaube ist lebendig. Er zeigt sich in Begegnungen und im Alltag. Aus dieser Neubewertung ist Spannendes entstanden.
Glaube ist kein Paket, das man weitergibt,
Glaube ist für mich Beziehung – zu Gott und zu den Menschen.
RB: Haben Sie dafür Beispiele?
Greiner: Die Festivalseelsorge – ge-rade war ein großes Team beim Electric Love Festival im Einsatz. Man hat anfangs unterschätzt, wie professionell solche Veranstaltungen organisiert sind. Mittlerweile gibt es Ausbildungen, eingespielte Teams und viele Erfahrungen. Man lernt durch das Ausprobieren. Wichtig dabei ist, was ich „Pastoral des Augenblicks“ nennen würde. Auf einem Festival, auf der Straße oder in der Krankenhausseelsorge hat man oft nur eine einzige Begegnung mit einem Menschen. Diese Chance muss man wahrnehmen. Das hat viel mit Aufmerksamkeit und Präsenz zu tun.
RB: Was macht für Sie gute Leitung in der Kirche aus?
Greiner: Im Zentrum stehen die Menschen. Gute Leitung hilft Menschen dabei, ihre Fähigkeiten zu entdecken und zu entfalten. Gleichzeitig geschieht Leitung nie im luftleeren Raum. Es gibt finanzielle, personelle und strukturelle Rahmenbedingungen, mit denen man verantwortungsvoll umgehen muss. Entscheidend ist, Menschen an den Ort zu bringen, an dem sie ihre Begabungen bestmöglich einbringen können. Und Führung bedeutet auch, ehrlich mit Grenzen umzugehen. Nicht jede Einschränkung ist nur negativ. Manchmal helfen Begrenzungen sogar dabei, Kräfte zu bündeln und neue Wege zu eröffnen.
RB: Frauen in Führungspositionen wird häufig ein stärkerer dialogischer Führungsstil zugeschrieben. Teilen Sie diese Einschätzung?
Greiner: Ich bin nicht sicher, ob Frauen automatisch dialogischer führen als Männer. Es gibt sehr kommunikative Männer und weniger kommunikative Frauen. Was aber eine Rolle spielt: Frauen verfügen oft über weniger Funktions- und Hausmacht. Deshalb sind sie stärker auf Netzwerke, Beteiligung und Partizipation angewiesen. Wer viele Perspektiven einholt, nimmt mehr wahr und kann daraus neue Entwicklungen anstoßen. In diesem Sinn entstehen durch dialogisches Führen tatsächlich häufig frische pastorale Impulse.
RB: Die Diözesen haben sich schon vor längerem vorgenommen, den Anteil von Frauen in Leitungsverantwortung auf zumindest ein Drittel zu erhöhen. Reicht dieses Ziel aus oder braucht es noch andere Schritte? Stichwort: Frauenquote.
Greiner: Wenn man eine Quote als gemeinsames Entwicklungsziel versteht, halte ich sie für sinnvoll. Sie bedeutet nicht, dass beliebig besetzt wird, sondern dass man genauer hinschaut und Talente sichtbar macht. Oft fallen einem bei bestimmten Aufgaben zuerst Männer ein. Wenn man bewusst weitersucht, entdeckt man ebenso kompetente Frauen. Genau dadurch entstehen Netzwerke, mehr Sichtbarkeit und mehr Erfahrung.
RB: Das neue Netzwerk „Frauen.Führen.Kirche“ möchte Frauen in kirchlichen Führungspositionen in Österreich sichtbar machen und stärken. Welche Bedeutung haben solche Initiativen?
Greiner: Eine große. Solche Netzwerke machen sichtbar, dass Frauen in kirchlichen Führungspositionen keineswegs allein sind. Sie schaffen Solidarität, Austausch und Ermutigung. Männernetzwerke gibt es seit langem. Frauen holen hier auf. Gerade das Wissen, ähnliche Erfahrungen zu teilen und voneinander lernen zu können, ist sehr wertvoll. Am Ende gilt auch in der Kirche: Vielfältige Teams bringen bessere Lösungen hervor als homogene Teams. Das habe ich immer wieder erlebt.
RB: Sprechen wir von Frauen in der Kirche, geht es irgendwann auch um die Frage der Weiheämter. Wagen Sie eine Prognose: Werden wir den Diakonat der Frau noch erleben?
Greiner: Entscheidend ist für mich weniger die konkrete Form als die theologische Erkenntnis, dass Christus nicht durch sein Mannsein, sondern durch sein Menschsein repräsentiert wird. Kultur und Evangelium dürfen nicht gleichgesetzt werden. Vieles, was selbstverständlich erscheint, ist kulturell geprägt. Die Frage ist: Gestalten wir unsere Kultur evangeliumsgemäß? Von der Gleichheit aller Getauften ausgehend, wird sich diese Spannung früher oder später auch in den Ämtern niederschlagen. Wie die Lösung aussieht, weiß ich nicht – vielleicht anders, als wir heute denken.
RB: Was ist der rote Faden Ihres Wirkens in der Kirche?
Greiner: Glaube ist für mich Beziehung – zu Gott und zu den Menschen. Kirche eröffnet viele Orte, das Evangelium gemeinsam zu leben, nicht nur im Kirchenraum. Der Wandel und der Machtverlust der Kirche können neue Zugänge zum Evangelium ermöglichen. Im Mittelpunkt steht das Reich Gottes; die Kirche ist Werkzeug dafür. Je glaubwürdiger sie das lebt, desto attraktiver wird sie sein.
Lucia Greiner leitete seit 2017 das Seelsorgeamt der Erzdiözese Salzburg. Zuvor war die Theologin Bildungsreferentin für das Afro-Asiatische-Institut, Diözesanreferentin der Katholischen Frauenbewegung und Studienleiterin im Bildungszent-rum St. Virgil. Ab Herbst verstärkt die in Obernzell in Bayern Geborene den Pfarrverband Tennengau Mitte.
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