
Salzburg/Hallein. Die Fastenzeit lädt zum Blick auf das Wesentliche ein und die Fastentücher wollen dabei helfen, diesen Blick zu fokussieren“, bringt es der Salzburger Diözesankonservator Roland Kerschbaum auf den Punkt. „Wir leben ja mit Internet und Handy in einer Zeit der medialen Bilderflut, wo hunderttausende Eindrücke auf uns einströmen – da ist weniger oft mehr.“
Ähnlich sieht es Christian Wallisch-Breitsching, Leiter der Hochschulseelsorge und Verwaltungsdirektor der Salzburger Kollegienkirche: „Im Hinblick auf Ostern besinnen wir uns auf das Eigentliche unseres Glaubens: das Geheimnis von Tod und Auferstehung. Fastentücher wollen uns erinnern, was vielleicht im alltäglichen Leben verborgen bleibt: die sanften Zwischentöne, die uns im großen Wind von Social Media, Alltag, Stress und Sorgen nicht erreichen. Es wird etwas weggenommen, um zu schauen: was braucht es eigentlich? Und brauchen tut es einen Funken Hoffnung. Das ist es, was Ostern ist. Das ist es, worauf wir zugehen.“
In diesem Sinne hat die Künstlerin Evelyn Grill die diesjährige Kunstinstallation in der Kollegienkirche gestaltet: großflächige Fastentücher, die durch die Verhüllung der Seitenaltäre „Gewohntes entziehen“, um den Kirchenraum für neue geistige Erfahrungen zu öffnen. „Ich möchte damit zeigen, dass der Mensch immer gerne wissen will, was dahinter steckt, was jenseits des Sichtbaren liegt. Das beinhaltet auch den Gedanken: Was kommt nach dem Leben? Dieses ständige Suchen und Dahinterblickenwollen, aber es nicht wirklich sehen – das finde ich ein sehr schönes Spannungsfeld.“ Die beiden Siebdruck-Fastentücher sind in mehreren Schichten ausgeführt: Ein Kreis im Rechteck versinnbildlicht das Göttliche, Vollkommene, Erstrebenswerte; gegenüber steht ein Quadrat im Rechteck für die menschliche, irdische Ebene – göttliche Ordnung nebst menschlicher Suchbewegung.

Die traditionelle Kunstinstallation in der Salzburger Kollegienkirche besteht heuer aus zwei Fastentüchern (je 9 mal 13 Meter). Sie verhüllen die beiden Seitenaltäre. Das Motto der Künstlerin Evelyn Grill (im Bild): „Was sich zeigt, wenn es sich verbirgt.“ – Offizielle Präsentation beim Mittagsgebet der Unipfarre/KHG in der Kollegienkirche mit Aschenkreuzauflegung am Aschermittwoch, 18. Februar, um 12.30 Uhr. Predigen wird Franca Spies, neue Dogmatik-Professorin der Theologischen Fakultät der Uni Salzburg.
Eine spirituelle Brücke von der Schöpfungsverantwortung und dem Klimawandel zu unserem ganz persönlichen menschlichen Dasein schlägt das Fastentuch in der Pfarrkirche Hallein (im Bild unten). „Wie in der Natur gilt es, einen Ausgleich zu finden zwischen den Anforderungen des Lebens und dem, was unsere Seele an Nahrung braucht. Dieses Kunstwerk lenkt unsere Aufmerksamkeit mitten in das Wesen der Fastenzeit“, sagt Markus Danner, Dechant und Pfarrer von Hallein, über die Darstellung einer Gletscherschmelze. So wie mit dem sterbenden Gletscher sei es auch mit uns Menschen. „In der Fastenzeit sind wir Christinnen und Christen eingeladen, auf unser Leben zu schauen. Das Bild des Gletschers kann uns dabei helfen.“
Gedanken zu Zeit, Wandel, Vergänglichkeit und Hoffnung – zu „einem Weg, der in das Ungewisse führt“ – gingen Hans Peter Perner bei der Gestaltung des Halleiner Fastentuchs durch den Kopf. „Jenseits des Gletschers öffnet sich der Himmel ... Das Fastentuch hält uns an, innezuhalten, zu lauschen und im Wandel das Ewige zu erkennen“, beschreibt der Tamsweger Künstler jene Atmosphäre, die er mit seinem Werk im Kirchenraum vermitteln möchte.

Das Fastentuch in der Halleiner Stadtpfarrkirche wurde vom Tamsweger Künstler Hans Peter Perner entworfen. Optik und Werktitel der vier mal zwei Meter hohen Darstellung („Der Weg des Schmelzens“, Öl auf Leinen) schlagen eine Brücke zur christlichen Schöpfungs-Verantwortung. In sattes Violett getaucht, öffnet sich inmitten des barocken Hochaltars eine Gletscherlandschaft, die sich in den Tabernakel zu ergießen scheint. Ein Sinnbild für die Vergänglichkeit der Schöpfung, für die Verschmelzung von Natur und Transzendenz, von Irdischem und Göttlichem.
Auf einem ungewöhnlichen Weg kam heuer die Stadtpfarre Salzburg-Parsch zu ihrem Fastentuch. Es entstand aus einem Projekt der Österreichischen Pastoraltagung zum Thema „Verwundbarkeit“ und zeigt das eigentlich eher unscheinbare Wörtchen „UND“. Hubert Nitsch, Referent für Kunstpastoral der Diözese Linz: „Durch dieses Kunstprojekt der Tagungsteilnehmer wurden individuelle Geschichten zu einer gemeinsamen Geschichte. Das UND als Schriftzug verbindet Gott mit Gott, aber auch Gott mit den Menschen und die Menschen untereinander.“ Im Hinblick auf die Fastenzeit und Ostern ergänzt er: „Das UND in der zeitlichen Abfolge fragt nach dem Dahinter und dem Nachkommenden – für uns Christinnen und Christen gehören Tod und Auferstehung zusammen.“
Konzept und Vollendung des Parscher Fastentuchs stammen von Künstlerin Annelies Senfter, die mit der Entstehung eine Art Reinigungsprozess verbunden sieht. „Es waren bei der Pastoraltagung sehr spannende und schöne Begegnungen. In diesem Fastentuch ist so viel niedergelegt, was während der Arbeit von den Mitwirkenden erzählt wurde – an Verletzungen, an Wunden, an Sticheleien. Vielleicht hebt man es nach Ostern nicht auf, sondern übergibt es einem reinigenden Osterfeuer.“


An der Entstehung des Fastentuchs für die Pfarrkirche in Salzburg-Parsch wirkten im Jänner Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Österreichischen Pastoraltagung mit. Nach dem Konzept von Künstlerin Annelies Senfter wurden mehrere Lagen China- und Seidenpapier geschnitten, gerissen oder durchschlagen und mit chirurgischen Nahttechniken (siehe unteres Bild) überarbeitet. Einführungsgottesdienst in der Pfarrkirche Parsch: Sonntag, 22. Februar, 9.30 Uhr.
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