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RB: „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt.“ Was bedeutet diese Diagnose konkret für die Kirche und was folgt daraus?
Jan Loffeld: Die erste Einsicht betrifft das Selbstbild der Kirche. Wir gehen als Kirche davon aus, dass wir eine Botschaft haben, die jeder Mensch für sein Leben und sein Glück braucht. Doch das entspricht nicht mehr der Realität. Viele Menschen sagen heute: Ich bin skeptisch. Ich habe kein Vertrauen zur Kirche. Ich brauche eure Botschaft nicht. Tatsache ist zudem, dass die Verortung des eigenen Lebens bei Gott immer stärker wegfällt. Das bedeutet: Das Leben wird nicht mehr aus der Frage heraus gedeutet, was Gott von mir erwartet, wer ich sein soll oder welche Rolle ich im Heilsplan für diese Welt spiele. Genau das ist der radikalste Machtverlust, den man sich kirchlich vorstellen kann. Zuspitzend formuliert: Die Kirche verliert die Macht über die Seelen.
RB: Wie soll die Kirche reagieren?
Loffeld: Eine Kirche in dieser Situation erhält eine neue Rolle. Sie muss den Himmel offenhalten. Sie muss präsent sein, wenn die Gottesfrage wieder aufbricht. Und sie muss ein Ort sein, an dem Fragen gestellt, geteilt und reflektiert werden können. Das bedeutet: Die Kirche wandelt sich von einer Monopolanbieterin für Sinn-, Glaubens- und Lebensthemen hin zu einem Ort, an dem Menschen ihre Lebensfragen artikulieren und ihre Geschichten erzählen können. In diesen Begegnungen kann sich die große Geschichte vom Heil der Welt mit den kleinen Geschichten der Menschen verbinden, die auf der Suche nach einem geglückten Leben sind.
RB: Wenn also religiöse Indifferenz kein vorübergehendes Phänomen ist, sondern eine stabile Lebensform: Von welchen pastoralen Selbstverständlichkeiten müssten Kirche und Seelsorge sich dann ehrlich verabschieden?
Loffeld: Aus der Perspektive vieler säkularer Zeitgenossen ist die Kirche heute nur eine Antwort unter vielen. Sie ist ein gesellschaftlicher Player neben anderen. Das ist der eine Punkt. Der andere Punkt ist, dass die Kirche neu verstehen muss, was Freiheit bedeutet. Gott ist derjenige, der ruft und der Mensch ist frei, auf diesen Ruf zu antworten.
RB: „Apatheismus“, also eine Haltung, bei der die Frage nach Gott oder Religion als gleichgültig empfunden wird, ist ein zentraler Begriff im Buch. Wie könnte eine Pastoraltheologie aussehen, die sich damit auseinander setzt?
Loffeld: Sie müsste sich zunächst mit den heutigen Leerorten und Leerpraktiken auseinander setzen. Ich nehme dafür gerne das Beispiel der Taufe. Wenn wir ein Kind taufen, kommen wir mit der Botschaft: Dieses Kind ist ein Kind Gottes. Es wird in die Kirche eingegliedert. Gott erwählt es als sein Kind. Es wird ganz klassisch von der Macht des Bösen befreit. Das ist unsere Perspektive. Die Perspektive der Tauffamilie ist eine andere. Sie wünscht sich einen Lebenseröffnungssegen. Die Pastoraltheologie muss dieses „Mismatch“, dieses Missverhältnis, analysieren und reflektieren. Der nächste Schritt besteht darin, Seelsorgerinnen und Seelsorgern Deutungshilfen zu geben – sowohl für die Weiterentwicklung ihrer eigenen Haltung als auch für ihr pastorales Handeln.
RB: Auch wenn immer mehr Menschen Religionsgemeinschaften gleichgültig gegenüberstehen, gibt es viele, die nach Sinn suchen, die eine Sehnsucht nach Spiritualität antreibt.
Loffeld: Die Frage ist, ob jemand, der nach Sinn sucht, tatsächlich nach dem sucht, was wir „Sinn“ nennen. Oder geht es vielmehr um die Suche nach episodischer Erfüllung – im Beruf, in der Familie, im Freundeskreis? Es gibt eine große Sehnsucht nach Orientierung: Wie komme ich durch Krisen? Die Antwort ist allerdings immer weniger eine religiöse. Das haben wir während der Corona-Pandemie gesehen. Diese Zeit hat keine religiösen, sondern medizinische, technische, organisatorische und wissenschaftliche Fragen hervorgebracht. „Not lehrt beten“. Dieses Diktum lässt sich empirisch nicht belegen.
RB: Sie lehren und forschen seit Jahren in den Niederlanden, einem Land mit weit fortgeschrittener Säkularisierung. Was hat die Kirche dort möglicherweise früher verstanden als wir im deutschsprachigen Raum?
Loffeld: Sie musste sich früher der Realität stellen, weil sie nicht über entsprechende personelle und finanzielle Ressourcen verfügte. Die Entkirchlichung mit dem Wegbrechen der Milieus und vieler Selbstverständlichkeiten setzte schon in den 1960er-Jahren ein. Man hat inzwischen gemerkt, dass sowohl eine progressive als auch eine radikal konservative Antwort auf diese Herausforderungen zu kurz greifen.
RB: Kirchliche Reformdebatten kreisen um Strukturen und Ämter. Sie nennen das sinngemäß die Endlosschleife des Optimierungsparadigmas. Wie kommen wir davon los?
Loffeld: Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen. Ecclesia semper reformanda – die Kirche muss sich immer wieder erneuern. Dafür braucht es synodale Verständigungsprozesse. Wie können die verschiedenen Berufungen und Gruppen des Volkes Gottes stärker zusammenarbeiten und Synergien entwickeln?
Die gemeinsame Berufung, auch in der Ökumene, muss klarer werden.
Die gemeinsame Berufung und Sendung, auch in der Ökumene, muss deutlicher hervortreten. Evangelische und altkatholische Kirchen stehen vor denselben Fragen. Die Gottesfrage verbindet uns. Was die Reformen betrifft: Wir sollten nicht davon ausgehen, dass wir automatisch nach außen attraktiver werden, sobald wir unsere internen Fragen klären. Das heißt nicht, dass die Kirche ihre Baustellen nicht bearbeiten sollte. Das hat eine große Berechtigung, ist aber nicht die alleinige Lösung.
RB: Wenn Sie einer Diözese oder Pfarrgemeinde einen einzigen Rat geben müssten, welcher ist das?
Loffeld: Selber die Frage nach Gott nicht vergessen. Anders ausgedrückt: Die Frage nach Gott wachhalten.
RB: Was wünschen Sie sich vom Christentum von morgen?
Loffeld: Dass es auch in diesen Zeiten der Verheißung Gottes trauen kann.
buchtipp

Dass der Mensch irgendwann die Frage nach Gott stellen werde, gehörte lange zu den unhinterfragten Voraussetzungen von Theologie und Pastoral. Empirische Daten zeigen jedoch das enorme Ausmaß religiöser Indifferenz. Schonungslos ehrlich analysiert Jan Loffeld die gegenwärtigen Herausforderungen und zeigt Perspektiven für ein zukünftiges Christentum unter radikal veränderten Vorzeichen auf.
Jan Loffeld, Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt, Das Christentum vor der religiösen Indifferenz, Verlag Herder, 192 S., 22,70 €, ISBN 978-3-451-39569-7.
art/dap/ibu
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