Bilden kann man nur sich selbst“, sagt Klaus Mertes SJ. Auch das eigene Herz könne nur der Mensch selbst bilden. Bildung entstehe durch Erfahrungen, Reflexion und Entscheidungen, aus denen Haltungen wachsen. Pädagogik könne diese Entwicklung nicht von außen herstellen. Das Christliche kommt dort ins Spiel, wo der Mensch erkennt, dass Haltungen nicht nur eigene Leistung sind, sondern auch Geschenk. Mertes verdeutlicht dies am Beispiel der Musik: Kinder lernen ein Instrument und erwerben dabei soziale und andere Kompetenzen. Doch sie musizieren nicht, um Kompetenzen zu erwerben, sondern aus Freude an der Musik. Der pädagogische Nutzen ist ein Nebenprodukt. Herzensbildung braucht Vorbilder. Die christliche Tradition bietet dafür Jesus und Menschen, die nach seinem Vorbild leben. Ein echtes Vorbild will jedoch nicht selbst Vorbild sein. Prägend sind Menschen, die selbstvergessen handeln, weil ihr Herz angesprochen ist. Gerade dadurch werden sie vorbildlich. Warum findet Herzensbildung heute so viel Anklang? Mertes sieht darin eine Reaktion auf einen Bildungsbegriff, der sich zunehmend an Kompetenzen, Messbarkeit und Leistung orientiert. Messen sei nicht falsch, aber Bildung gehe weit darüber hinaus. Ihr Kern liege in der Beziehung zwischen Lehrern und Schülern.
Entscheidend ist die Fähigkeit, offen zu bleiben für Gott, andere Menschen und das eigene Leben.
Deshalb warnt Mertes davor, Bildungsfortschritt an Digitalisierung festzumachen. Digitale Medien seien wichtig, entscheidend bleibe jedoch die menschliche Beziehung.
Bleibt das Herz auf der Strecke, „kann es hart werden – hart gegen sich selbst und gegen andere“. Ein verhärtetes Herz verliere Empathie. Deshalb müsse die Vorstellungskraft gestärkt werden: Menschen sollen lernen, andere wirklich zu sehen und ihre Perspektive einzunehmen. Empathie entstehe nicht durch moralische Appelle, sondern dadurch, dass wir uns berühren lassen. Herzensbildung bleibt damit ein lebenslanger Prozess: offen zu bleiben für Gott, andere Menschen und die Wirklichkeit des eigenen Lebens.

Klaus Mertes: Herzensbildung (Herder-Verlag)
Zur Person
P. Klaus Mertes SJ prägte als Lehrer und Schulleiter Generationen von Schülerinnen und Schülern. Er wirkte als Rektor des Jesuitengymnasiums Canisius-Kolleg Berlin und als Direktor des Kollegs St. Blasien. Seit 2021 ist er Superior des Ignatiushauses in Berlin und Redaktionsmitglied der „Stimmen der Zeit“. Sein Buch Herzensbildung. Für eine Kultur der Menschlichkeit erschien 2024 im Herder Verlag.
Aktuelles E-Paper