Werte werden dort erfahrbar, wo sie gelebt werden – in Familien, Freundschaften und Gemeinschaften. Sie sind personalisiert oder eben nicht. Gerade Großeltern komme dabei eine besondere Rolle zu, sagt Allan Guggenbühl. Der bekannte Jugendpsychologe spricht in seinen Büchern häufig davon, dass Großeltern als Identifikationsfiguren wichtig seien, weil sie außerhalb des elterlichen Erziehungsauftrags stehen. Anders als Eltern stehen sie meist nicht unter dem Druck des Alltags. Zwischen Großeltern und Enkeln entsteht oft eine Beziehung, die frei ist von Leistungsdruck, Erwartungen und Konkurrenz. Der Franziskanerprovinzial P. Fritz Wenigwieser OFM spricht von einem „konkurrenzlosen Miteinander“.
Während seiner Zeit im Shalomkloster Pupping hat er erlebt, wie Menschen unterschiedlichster Generationen und Lebensgeschichten zusammenlebten: Franziskanerbrüder, Klarissen, Mitglieder des Dritten Ordens, Gäste, Flüchtlingsfamilien und Kinder. Gemeinsam beteten, arbeiteten und aßen sie. Nicht immer verlief das konfliktfrei. Dennoch entstand etwas, das in unserer Gesellschaft selten geworden ist: ein Alltag, in dem verschiedene Generationen selbstverständlich voneinander lernten. Vor allem von den Alten – diese seien ausgereift: „Da fällt Leben und Reden schon eher zusammen: Reife Persönlichkeiten sind Originale und Vorbilder.“
Fritz Wenigwieser ist davon überzeugt, dass gerade Kinder und ältere Menschen besonders gut zusammenpassen. „Die anderen müssen um ihr Leben kämpfen“, sagt er mit dem Blick auf die Generation der Eltern, die Beruf, Familie und Alltag unter einen Hut bringen muss. Großeltern dagegen haben oft etwas, das heute kostbarer geworden ist als vieles andere:
Zeit.
Zeit zum Zuhören, zum Spielen und zum Dasein. Und ebenso Zeit zum Schauen: wie der andere lebt, welche Haltung er gegenüber dem Leben einnimmt. Der ideale Ort zum Lernen an personalisierten Werten.
Es gibt keine schönere Rolle, als die der Großeltern – frei von Bedingungen und voller Liebe. Es gibt Momente im Leben, die im Herzen weiter wirken. So geht es mir jedesmal, wenn ich, so wie am vergangenen Wochenende, Zeit mit meinen beiden Enkelkindern verbringen darf. Während sich ihre Eltern eine Auszeit nehmen, einmal durchatmen können, genieße ich die Zeit mit den beiden. Laura ist schon 22 und bespricht an solchen Tagen alles mit mir, was im Moment in ihrem Leben eine Bedeutung hat, was sie bewegt, wie sie sich gerade fühlt, wo sie Unterstützung oder einen Ratschlag braucht. Ben ist sieben und will gerade alles wissen, was im Garten zu
tun ist. Gemeinsam ernten wir die ersten Äpfel, gießen die Blumen und schneiden die besonders vorwitzigen Äste.
Ich gebe ihnen den Raum für alles, was im oft hektischen Alltag wenig Platz hat. Meine Enkelkinder schenken mir das Vertrauen, bei ihrer Oma gut aufgehoben und in Sicherheit zu sein. Das wiederum erfüllt mich mit großer Freude und Dankbarkeit. Jede Begegnung ist ein kostbarer Schatz, eine wertvolle Erfahrung, sowohl für Enkel als auch für Großeltern.
Keine Meinungsverschiedenheit, kein Interessenskonflikt, keine Unterschiede zwischen den Generationen können dieser Liebe etwas anhaben.
Fern von Erwartungen, Druck und Bedingungen entfaltet sich die Beziehung frei.
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