RB: Eure Seligkeit, Sie sind nun seit 15 Jahren Großerzbischof. Welche positiven Erfahrungen haben Sie in Ihrem Dienst gemacht oder machen Sie noch heute? Und wie haben die Jahre seit Beginn der Aggression gegen die Ukraine Ihr Amt geprägt?
Schewtschuk: Die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche ist keine Ortskirche, sondern eine weltweite Kirche. Bevor ich zum Großerzbischof von Kyjiw gewählt wurde, war ich Bischof der Ukrainer in Argentinien. Heute muss ich viele Sprachen sprechen und um die Welt reisen, um unseren Gläubigen überall zu begegnen. Wie Sie wissen, hat diese Tragödie des Krieges eine massive Migration verursacht. Dadurch gibt es heute viele neue Gemeinschaften unserer Gläubigen in aller Welt. Aber die wohl größte Freude und wichtigste Aufgabe für das Oberhaupt der Kirche ist es, ein Vater für die Menschen zu sein. Sehr oft fühlen wir uns heute wie Gesellschaften von Waisen. Viele junge Menschen wachsen ohne genügend Aufmerksamkeit ihrer Eltern auf. Ich erinnere mich an einen ukrainischen Jungen in Kanada, der unter Tränen sagte: „Niemand hat Zeit für mich, außer meiner Kirche.“ Deshalb ist es meine Pflicht, diesen Menschen ein guter Vater zu sein und ein Zeichen der Einheit unserer weltweiten Kirche. Auch wenn wir in der Ukraine eine verwundete Kirche sind, tragen wir Hoffnung und Zuversicht zu unseren Menschen in aller Welt.
RB: Was brauchen die Menschen in der Ukraine derzeit? Wie können Kirche und Gläubige den Menschen helfen?
Schewtschuk: Ich würde diese Frage mit den Worten des heiligen Paulus beantworten: Wir brauchen nicht eure Dinge, wir brauchen euch! Wir brauchen eure Aufmerksamkeit, eure Liebe, eure Solidarität und eure Gebete. Dann werden auch alle guten Taten und alle humanitären Hilfen für die Ukraine ihre Wirkung entfalten.
RB: Seit 2022 sind Sie zu dem geworden, was man einen „Zeitzeugen“ nennt. Sie geben häufig Interviews. Gibt es ein Thema, über das Sie lieber sprechen würden? Eine Frage, auf die Sie immer warten, die aber nie gestellt wird, weil Sie ständig politische Themen ansprechen müssen?
Schewtschuk: Natürlich. Ich bin kein Politiker, werde aber sehr oft zu politischen Fragen befragt. Ich bin kein General, doch viele Menschen fragen mich nach dem Krieg und den Sicherheitsproblemen der Ukraine. Ich bin Hirte. Meine Aufgabe ist es, mich um die Menschen zu kümmern, um die einfachen Menschen. Von meiner Ausbildung her bin ich Mediziner. Daher habe ich vielleicht einen medizinischen Zugang zu den Menschen: die Ursachen ihres Schmerzes zu verstehen und die richtige „Medizin“ zu finden, um die menschliche Seele zu heilen. Das sind meine wichtigsten Interessen und Prioritäten.
Wir brauchen eure Aufmerksamkeit, eure Liebe, eure Solidarität und Gebete.
RB: Die ukrainische Gemeinde hier in Salzburg hat vor Kurzem gemeinsam mit österreichischen Musikern, Volkstänzern und vielen anderen Menschen ein Kulturfest gefeiert. Trotz der schrecklichen Erfahrungen, die viele von ihnen gemacht haben, scheinen sie ihre Lebensfreude bewahrt zu haben. Ist das etwas, das Ihnen auch anderswo auf der Welt begegnet?
Schewtschuk: Überall. Wissen Sie warum? Es ist eine Art therapeutischer Umgang mit solchen Situationen. Für die Menschen in der Ukraine bedeutet Singen und Tanzen, die eigene Seele zu heilen. Wenn wir unsere Lieder singen, die von unserer Geschichte und von konkreten Menschen erzählen, dann verbinden wir uns mit unseren Vorfahren. Wir bringen unsere Herzen zusammen. Wir heilen unsere Wunden und träumen von unserer Zukunft.
RB: Zum Schluss noch eine sehr österreichische Frage: Bier oder Wein?
Schewtschuk: Nun, in Italien: Wein. In Salzburg: Bier.
Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk (1970 in Stryj, Westukraine) ist seit 2011 Großerzbischof von Kiew-Halytsch und Oberhaupt der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche. Nach dem Medizinstudium trat er ins Priesterseminar ein und wurde 1994 zum Priester geweiht. Studien führten ihn nach Rom, wo er in Theologie promovierte. Von 2009 bis 2011 wirkte er als Bischof der ukrainischen Eparchie in Argentinien. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs ist Schewtschuk eine der wichtigsten geistlichen Stimmen seines Landes und setzt sich weltweit für Frieden, Solidarität und Unterstützung der Ukraine ein.
Die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche (UGKK) ist die größte mit Rom verbundene Ostkirche der Welt. Ihre Wurzeln reichen bis zur Taufe der Kiewer Rus im Jahr 988 zurück. Durch die Union von Brest (1596) trat ein Teil der damaligen orthodoxen Kirche in Gemeinschaft mit dem Papst ein, behielt aber den byzantinischen Ritus und die östlichen Traditionen bei. Daher trägt sie den Namen „griechisch-katholisch“: „griechisch“ bezieht sich auf den byzantinischen Ritus, nicht auf die Nationalität, „katholisch“ auf die Zugehörigkeit zur Weltkirche unter dem Papst.
Während der Sowjetzeit wurde die Kirche 1946 verboten und musste jahrzehntelang im Untergrund weiterbestehen. Erst 1989 erhielt sie wieder die Freiheit. Heute zählt die Kirche weltweit zwischen 4,2 und 6,5 Millionen Gläubige. Der Titel „Großerzbischof“ existiert in einigen katholischen Ostkirchen. Er steht dort dem von den orthodoxen Kirchen verwendeten Titel „Patriarch“ gegenüber – in der katholischen Kirche wird dieser nur dort verwendet, wo er bereits in der Alten Kirche bestand. Das kirchliche Zentrum befindet sich seit 2005 wieder in Kyjiw, wo die Patriachalkathedrale Sitz des Großerzbischofs ist.
Die UGKK engagiert sich besonders in Seelsorge, Bildung und Sozialarbeit und setzt sich angesichts des russischen Angriffskrieges für Frieden, humanitäre Hilfe und die Bewahrung der ukrainischen Identität ein.
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