Mit jedem Pinselstrich bekommt das Holzstück ein rotes Kleid, darüber einen Mantel in Blau. Ein Astloch verschwindet im dunklen Haar. In den Händen von Maria Kirchentals Hausmeister Klaus Schmuck wird aus einem Holzscheit eine Muttergottesfigur, die das Jesuskind in den Armen hält. Die Farben erinnern an ihr Vorbild: Nur wenige Meter weiter thront das bekannte Gnadenbild in der Wallfahrtskirche auf dem Hochaltar. 1689 brachte es Bauer Rupert Schmuck hierher an einen Ort, der bis heute als Maria Kirchental bekannt ist. Hunderte Jahre später befestigt Rupert Schmucks Nachfahre die Holzfigur in einer Baumgabel.
Die Wallfahrtskirche Maria Kirchental in St. Martin bei Lofer wurde 1701 geweiht, dieses Jahr feiern Gläubige ihren 325. Geburtstag. Maria Kirchental ist damit deutlich älter als die Gemeinschaft aus fünf Schwestern und Brüdern, die den Wallfahrtsort seit 2024 betreut. Die Marianische Gemeinschaft „Oase des Friedens“ ist 1987 in Medugorje entstanden. Während dieser von Millionen Pilgern anvisiert wird, wirkt Maria Kirchental wie ein Geheimtipp. „Wir wollten eigentlich näher an den Menschen sein“, sagt Schwester Maria Hildegard. „Aber die Menschen zieht es hier zu uns, raus aus der Stadt und in die Stille.“ Eingeschlossen von Bergen hat das Handy nur hin und wieder Empfang. Dafür schärfen sich die Sinne: Wenn die Schwestern und Brüder über die Gänge huschen, rauschen die Röcke, der Holzrosenkranz am Gürtel klimpert. Und die Haarschneidemaschine von Schwester Maria Hildegard surrt.
Die gelernte Friseurin ist mit der Gemeinschaft vor zwei Jahren hierher nach Maria Kirchental gekommen. Vor ihrer Berufung spielte sie Querflöte in einer Musikkapelle, machte Stepptanz, sang beim Chor. Heute schneidet sie Padre Martino die Haare. „Jeder kann hier seine Gaben und Talente einsetzen“, sagt sie und pustet keinem Geringeren als dem Generalverantwortlichen der Gemeinschaft die Haarspitzen von den Ohren. Spiegel hat er keinen, dafür findet sich hier wieder das Gnadenbild der Muttergottes. Genauso wie auch in der Küche bei Schwester Maria Dulcissima. Anstatt des weißen Ordensschleiers trägt sie ein rotes Kopftuch. Und das nicht nur wegen des Zwiebel- und Knoblauchgeruchs. „Einmal habe ich schon Feuer gefangen“, schmunzelt sie, „mit dem Schleier.“ Ihre einfache blaue Ordenstracht drückt aber nach wie vor ihre Verbundenheit zur Muttergottes aus. „Maria ist unsere Inspirationsquelle“, wird Ordensleiter Pater Alessio Maria später verraten. „Maria Kirchental ist eine Oase des Friedens. Es ist ein Ort, an dem Menschen eine marianische Erfahrung gemacht haben.“
Über 325 Jahre hinweg pilgerten die Menschen hierher, brachten Votivtafeln – eine Sammlung, die auf über 1000 Stück angewachsen ist. Und doch ist Veränderung da – im Stall stapeln sich heute Jubiläumskerzen. Im Gartenhäuschen stehen Bett, Ansteckherd und Schreibtisch für Gäste. Im ehemaligen Waschhaus hat Hausmeister Klaus seine Werkstatt. Im Mesnerhaus kommen Menschen unter, die sich bewusst Zeit für die geistliche Begleitung und Vorträge der marianischen Gemeinschaft nehmen. Nur in der Wallfahrtskirche am Hauptaltar thront nach wie vor die Muttergottes mit dem Jesuskind. Darunter liegen heute Rosen. Und ein Schild: „325 Jahre. Dankeschön.“
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