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Salzburger Festspiele: Warum Bassbariton Philippe Sly für seine Opernrolle ins Kapuzinerkloster zog

Wie lebt und denkt jemand, der den heiligen Franziskus auf der Opernbühne verkörpern will? Der kanadische Bassbariton Philippe Sly suchte die Antwort nicht nur in Partitur und Text, sondern auch im Alltag eines Kapuzinerklosters. Im Gespräch erzählt er, warum ihn diese Zeit nachhaltig verändert hat.

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David Pernkopf

Ich glaube sogar, dass er manchmal über mich lacht.

-  Philippe Sly

 

RB: Sie leben während der Festspiele im Kapuzinerkloster. Warum haben Sie sich für diesen ungewöhnlichen Aufenthalt entschieden?

Philippe Sly: Die Vorbereitung begann eigentlich schon lange vor meiner Ankunft in Salzburg. Ich lerne die Rolle seit Jänner 2025, denn Messiaens Musik ist außerordentlich komplex und die Partie des Franziskus ist sehr lang und anspruchsvoll. Im vergangenen Jahr kam mir dann der Gedanke: Warum suche ich mir nicht eine franziskanische Gemeinschaft, um während der Festspiele wirklich mitzuleben? Mir wurde früh klar, dass man Franziskus nicht allein intellektuell verstehen kann. Sein Glaube erschließt sich durch das Leben, durch die Praxis. Ich habe einfach im Kapuzinerkloster angerufen. Bruder Hans ging ans Telefon. Ich fragte, ob ich während der Festspiele bei den Brüdern wohnen dürfe. Er sagte schlicht: „Ja.“ So unkompliziert war das.


RB: Was hat das Leben mit den Brüdern bei Ihnen verändert?

Sly: Mehr, als ich erwartet hätte. Als Sänger führe ich eigentlich zwei Leben: das Familienleben zu Hause und das Leben auf Tournee. Das Tourneeleben kann sehr unruhig sein. Man ist allein, sucht Ablenkung oder versucht, die Einsamkeit zu überspielen. Hier ist alles anders. Der gemeinsame Rhythmus, das frühe Aufstehen, die Gebetszeiten, das ge-meinsame Essen – all das gibt dem Tag eine Struktur. Anfangs war das ungewohnt, heute freue ich mich darauf. Diese Ordnung schenkt eine große innere Ruhe. Besonders berührt mich, dass ich vieles loslassen darf. Man lernt, sich einer Gemeinschaft anzuvertrauen. Diese Haltung des Loslassens ist ein wesentlicher Teil des klösterlichen Lebens.


RB: Beten Sie gemeinsam mit den Brüdern?

Sly: So oft wie möglich. Wenn es die Proben erlauben, nehme ich an den Laudes teil. Sonntags gehe ich selbstverständlich zur Messe. Oft kann ich auch bei der Vesper oder der Komplet dabei sein. Außerdem lese ich täglich in der Bibel. Das ist für diese Rolle unverzichtbar.


RB: Warum?

Sly: Messiaens Oper besteht praktisch aus Bibelzitaten. Er verbindet Texte aus den Evangelien, den Paulusbriefen und vielen anderen Stellen zu einem großen geistlichen Ganzen. Messiaen kannte die Heilige Schrift unglaublich gut. Je intensiver ich selbst die Bibel studiere, desto mehr erkenne ich, wie meisterhaft er diese Texte miteinander verknüpft hat.

 

RB: Hat das Klosterleben auch Ihre Darstellung des Franziskus verändert?
Sly: Ja – allerdings nicht plötzlich. Es gab keinen einzelnen Schlüsselmoment. Vielmehr geschieht die Veränderung langsam. Man merkt sie zunächst kaum und erkennt erst später, dass sich neue Gewohnheiten gebildet haben. Vergangene Woche geschah dann etwas Entscheidendes. Bis dahin empfand ich die Rolle oft als große Last. Plötzlich wurde sie leicht. Mein Körper entspannte sich und ich kam in einen Zustand des Flow. Von diesem Moment an machte das Singen Freude. Ich bin überzeugt, dass Gebet, Stille und Gemeinschaft wesentlich dazu beigetragen haben.

 

RB: Wie würden Sie diese Veränderung beschreiben?
Sly: Es ist seltsam. Man fühlt sich gleichzeitig leer und erfüllt. Leer, weil viele innere Zwänge verschwinden. Erfüllt, weil man einfach mit sich selbst sein kann. Das schenkt einen tiefen Frieden.

 

RB: Wird Sie diese Erfahrung auch nach den Festspielen begleiten?
Sly: Davon bin ich überzeugt. Wenn man die Welt einmal mit anderen Augen gesehen hat, kann man das nicht mehr rückgängig machen. Man kann die Wahrheit nicht wieder vergessen, wenn man sie einmal geschmeckt hat. Diese Erfahrung ist jetzt Teil meines Lebens. Ich glaube, meine Frau und meine Kinder werden merken, dass ich verändert zurückkomme.


RB: Sie beschäftigen sich seit vielen Monaten intensiv mit dem heiligen Franziskus. Wer ist Franziskus für Sie persönlich?

Sly: Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Wenn ich spiele, versuche ich gerade nicht, vorher festzulegen, wer Franziskus ist. Die Figur muss durch mich sprechen dürfen. Wenn ich ihr meine eigene Vorstellung aufzwinge, wird sie unecht. Man könnte fast sagen: Nicht ich singe Franziskus, sondern Franziskus singt durch mich.


RB: Gibt es einen Moment in der Oper, der Sie besonders bewegt?
Sly: Ja. Im letzten Akt erscheint Franziskus im Sterben ein Engel. Er wiederholt die Worte: „Gott ist größer als dein Herz.“ Als ich diese Szene zum ersten Mal probte, musste ich weinen. Das ist für einen Sänger schwierig, denn wenn ich weine, kann ich nicht mehr singen. Für mich fasst dieser Satz die ganze Oper zusammen. Er bedeutet, dass Gottes Liebe größer ist als alles, was wir uns vorstellen können. Größer als unsere Schuld. Größer als unsere Angst. Größer sogar als unsere Fähigkeit, uns selbst zu lieben. Viele Menschen glauben, einer solchen Liebe nicht würdig zu sein.

 

RB: Wenn Sie die Oper mit einem einzigen Wort beschreiben müssten – welches wäre das?
Sly: Liebe. Es geht um eine Liebe, die nichts zurückfordert, die sich verschenkt. Die Freiheit schenkt.

 

RB: Es gibt viele Bilder des heiligen Franziskus. Welcher Franziskus begleitet Sie?
Sly: Es gibt eigentlich mehrere. Da ist der Franziskus Messiaens. Dann der Franziskus unseres Regisseurs. Dann jenen, den ich hier bei den Brüdern kennengelernt habe. Und schließlich gibt es meinen ganz persönlichen Franziskus. Ich mag besonders seinen Humor. Ich glaube sogar, dass er manchmal über mich lacht. Es gab einen Moment, in dem ich die Rolle beinahe aufgeben wollte. Da hatte ich das Gefühl, Franziskus würde mir sagen: „Nein. Spring zuerst. Erst dann wirst du sehen, wo du landest.“

 

RB: Wie passen Demut und Bühne vor allem jetzt in der Festpielzeit zusammen?
Sly: Mein Beruf ist natürlich einem ständigen Wettbewerb ausgesetzt. Viele Leute sind sich ihrer Position im Geschäft extrem bewusst, manche sind besessen von ihrem Image und davon, was andere über sie denken. Das steht im diametralen Gegensatz zu dem, was die Vision des heiligen Franziskus für unser Leben sein könnte. Meine ganze Aufmerksamkeit sollte darauf ausgerichtet sein: Erfülle ich meine Aufgaben? Bin ich ein guter Kollege? Trage ich dazu bei, ein Umfeld zu schaffen, in dem wir uns alle gegenseitig verbessern können?

 


 

wissenswertes

Olivier Messiaens einzige Oper „Saint François d’Assise“ zeichnet die spirituelle Entwicklung des heiligen Franz von Assisi nach – der Weg vom Ekel vor dem Kranken bis zur vollkommenen Einheit mit Gott. Als Gegenentwurf zur traditionellen Oper folgt das rund fünfstündige Werk keiner durchgehenden Handlung, sondern schildert prägende Stationen im Leben von Franziskus.

 

Umgesetzt wird die Oper mit einem großen Orchester, das in der Felsenreitschule auch an den Seiten des Publikums platziert ist. Ebenfalls groß dimensioniert ist der Chor, der für das Publikum unsichtbar singt. Das wurde von dem Komponisten und Librettisten Messiaen bewusst gewählt, da er Gott nicht visuell darstellen wollte.

 

Die Uraufführung von Olivier Messiaens „Saint François d‘Assise“ fand 1983 in Paris statt, die erste große Salzburger Aufführung erfolgte schon 1992 bei den Salzburger Festspielen unter der musikalischen Leitung von Kent Nagano und in der Inszenierung von Herbert Wernicke.

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Ausgabe 32_33 | 2026


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