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"Werte zeigen sich im Handeln"

Karl Zallinger (.l) und Abt Johannes Perkmann (r.)
Karl Zallinger (.l) und Abt Johannes Perkmann (r.)

Abtpräses Johannes Perkmann OSB von Michaelbeuern und Kolpinghaus-Geschäftsführer Karl Zallinger im Gespräch über Orientierung, Verantwortung und christliche Führung.

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David Pernkopf

Im Bräustüberl, wo Abtpräses Johannes Perkmann nicht nur geistlicher Mentor des Hauses, sondern sein Kloster auch Besitzer und Gastgeber ist, treffen sich zwei Männer, die Verantwortung tragen: der Benediktinerabt und KR Karl Zallinger, Geschäftsführer des Kolpinghauses Salzburg und Landtagsabgeordneter. Zwischen Kloster und Politik sprechen sie über Werte – und darüber, warum diese heute mehr denn je gelebt werden müssen.

 

 

RB: Herr Abt, Herr Zallinger – alle sprechen heute von Werten. Aber was verstehen Sie persönlich darunter? 

Abt Johannes Perkmann: Werte sind für mich keine Schlagworte, sondern Haltungen, die das Leben konkret prägen. Oft höre ich: „Wir vertreten die Werte.“ Dann frage ich zurück: Welche denn? Erst wenn Werte im Alltag sichtbar werden, gewinnen sie Substanz. Für mich müssen sie nachhaltig sein und dem Gemeinwohl dienen – nicht bloß dem eigenen Vorteil.
Karl Zallinger: Das erlebe ich ähnlich. In der Politik wird ständig von Werten gesprochen, quer durch alle Parteien. Entscheidend ist aber nicht, wer sie im Programm stehen hat, sondern wer sie glaubwürdig lebt. Die Menschen spüren sehr genau, ob jemand nur darüber redet oder ob sein Handeln dazu passt.


RB: Sind Werte heute Verhandlungssache geworden?
Perkmann: Nicht Verhandlungssache, aber Gesprächssache. Große Begriffe wie Nächstenliebe oder Solidarität müssen auf den Alltag heruntergebrochen werden. Was heißt Versöhnung im Konflikt? Was bedeutet Gerechtigkeit im Betrieb oder in der Schule? Erst dort entscheidet sich, ob Werte tragen.
Zallinger: Politik bewegt sich oft auf einer anderen Ebene als Sonntagsreden. Dort diskutiert man über konkrete Entscheidungen. Gerade deshalb braucht es Menschen, die aus einem inneren Wertegerüst heraus handeln. Sonst bleiben Werte bloße Rhetorik.


RB: Welche Werte sind aus christlicher Sicht besonders tragfähig?
Zallinger: Die katholische Soziallehre gibt dafür einen starken Kompass: Personalität, Solidarität, Subsidiarität und Gemeinwohl. Gerade in einer Zeit von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz müssen wir den Menschen wieder als Person sehen – einzigartig und unverwechselbar.
Perkmann: Papst Leo XIV. bringt das sehr schön auf den Punkt. Er nennt Wahrhaftigkeit, echte Begegnung, Bildung und den Blick auf die Schwächeren als zentrale Orientierung. Gerade in einer Welt, in der vieles künstlich erzeugt und manipuliert werden kann, gewinnen Wahrhaftigkeit und persönliche Begegnung an Bedeutung.


RB: Heute gilt Authentizität als hoher Wert. Reicht das?
Perkmann: Authentisch kann auch jemand sein, der egoistisch oder verletzend handelt. Deshalb genügt Authentizität allein nicht. Christlich gesprochen gibt es einen Maßstab außerhalb von uns selbst. Der Mensch ist auf etwas Größeres hin geschaffen und trägt Verantwortung – für den Mitmenschen und das Gemeinwohl.
Zallinger: Authentizität beschreibt zunächst nur, dass jemand sich selbst treu bleibt. Wahrhaftigkeit geht weiter. Sie fragt danach, ob mein Leben der Wahrheit dient und ob mein Handeln dem anderen gerecht wird.


RB: Verantwortung oder Hingabe – worin liegt der Unterschied?
Perkmann: Verantwortung bedeutet für mich, einmal Antwort geben zu müssen – vor Gott und vor den Menschen. Hingabe beschreibt die Art und Weise, wie ich diese Verantwortung lebe. Mache ich nur das Nötigste oder bringe ich mich mit Liebe und Engagement ein?
Zallinger: Verantwortung ist die Grundlage. Hingabe ist die „Extra-Meile“. Jeder spürt den Unterschied zwischen jemandem, der lediglich seine Pflicht erfüllt, und einem Menschen, der für seine Aufgabe brennt. Diese Leidenschaft macht Führung glaubwürdig.

Leben wir selbst das, wovon wir sprechen? 

RB: Werte werden oft in Leitbilder geschrieben. Wie werden sie Wirklichkeit?
Perkmann: Nur durch konkrete Strukturen. In unserer Schule genügt es nicht zu sagen, jedes Kind sei wichtig. Dann müssen wir auch Förderangebote schaffen, Unterricht anders organisieren und individuelle Begleitung ermöglichen. Werte kosten Zeit, Kreativität und manchmal auch Geld.
Zallinger: Führung beginnt immer bei der eigenen Haltung. Mitarbeiter merken sofort, ob sie bloß funktionieren sollen oder ob sie als Menschen wahrgenommen werden. Gute Führung heißt fordern und fördern. Man muss Leistung erwarten dürfen, aber ebenso bereit sein, Menschen in schwierigen Situationen zu unterstützen.


RB: Gab es Situationen, in denen Sie einen Wert gegen Widerstände verteidigt haben?
Zallinger: Für mich war das die Einführung einer finanziellen
Unterstützung für Pflegepraktikantinnen und Pflegepraktikanten. Sie leisteten wertvolle Arbeit, bekamen dafür aber nichts. Viele hielten das Vorhaben zunächst für politisch aussichtslos. Trotzdem habe ich dafür gekämpft – weil Gerechtigkeit bedeutet, dass Arbeit fair entlohnt wird.
Perkmann: Bei uns war es die Entscheidung, das Bräustüberl bewusst als Haus für alle zu erhalten. Wir hätten die Preise stärker erhöhen können. Stattdessen haben wir uns entschieden, sozial verträgliche Preise beizubehalten. Wirtschaftlichkeit bleibt wichtig, aber sie darf den Menschen nicht aus dem Blick verlieren.


RB: Was bedeutet christliche Führung?
Perkmann: Eine Führungskraft braucht Klarheit und Konsequenz, aber auch Fingerspitzengefühl. Benedikt sagt, eine Regel soll für alle gelten, gleichzeitig muss der Einzelne mit seiner Geschichte gesehen werden. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gehören zusammen.
Zallinger: Menschen müssen spüren, dass sie nicht nur Arbeitskräfte sind. Wer führt, muss Interesse am Leben der Mitarbeiter haben. Manchmal braucht jemand Unterstützung oder Ermutigung. Gute Führung verbindet Leistungsanspruch mit echter Wertschätzung.


RB: Welche Werte braucht unsereGesellschaft in Zukunft besonders?
Perkmann: Mir scheint, dass wir vieles voraussetzen, was längst nicht mehr selbstverständlich ist: Ehrlichkeit, Verantwortungsbewusstsein, Solidarität oder die Bereitschaft, über den eigenen Vorteil hinauszudenken. Wo die Gottesbeziehung schwindet, geraten oft auch diese Haltungen unter Druck. Deshalb braucht es Menschen, die sie glaubwürdig vorleben.
Zallinger: Ich glaube, viele Menschen spüren diese Sehnsucht nach Orientierung. Das Interesse an christlichen Werten ist größer, als man oft meint. Die entscheidende Frage lautet: Leben wir selbst das, wovon wir sprechen?


RB: Zum Schluss: Welchen Wert müssen wir unbedingt in die Zukunft hinüberretten?
Zallinger: Solidarität. Eine Gesellschaft lebt davon, dass Menschen füreinander Verantwortung übernehmen.
Perkmann: Ich würde Hoffnung sagen. Die Hoffnung, dass das Leben mehr ist als Leistung und Erfolg. Sie öffnet den Blick über den Augenblick hinaus und gibt Kraft, Verantwortung zu übernehmen. Gerade als Christen dürfen wir diese Hoffnung glaubwürdig leben und weitergeben.

 


 

 

Abt Johannes Perkmann, geboren 1968 in Salzburg-Maxglan, studierte Theo-logie an der Uni Salzburg und Sozialpädagogik in Benediktbeuern. 1986 wurde er Novize in der Abtei Michaelbeuern, 1994 ebendort zum Pries-ter geweiht. Er arbeitete in  der stifts eigenen Haupt-schule als Religionslehrer und Erzieher. 2006 wurde er vom Konvent der Salz-burger Benediktinerabtei Michaelbeuern zum Abt gewählt. Seit 2017 ist er Abtpräses der österreichi-schen Benediktiner.

 

 

Karl Zallinger, geboren 1961 in Salzburg, ist seit 1998 im Kolpinghaus, seit 2007 Geschäftsführer. Der studierte Theologe, Pädagoge und diplomierte Sozialarbeiter wirkte zuvor als Lehrer, Dienststellenleiter der Diözesanjugendstelle der Erzdiözese Salzburg sowie als Pastoralassistent.
Er ist bis 31. Juli 2026 Geschäftsführer des zur Kolpingsfamilie Salzburg-Zentral gehörenden ECO SUITE Hotels Salzburg. Zallinger (VP) gehört seit 2018 dem Salzburger Landtag an.

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