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Wenn Glauben online begegnet

Linda Kreuzer, Sozialethikerin an der Katholisch- Theologischen Fakultät der Universität Wien, beschäftigt sich mit den Chancen und Herausforderungen digitaler Glaubenswelten.

42 ganze Ausgabe als ePaper lesen
Anna Reither
Redakteurin

Sanfte Gitarrenmusik, stimmungsvolle Bilder und dazu
ein Bibelvers: In sozialen Netzwerken begegnen vielen Menschen heute Glaubensinhalte in einer neuen Form. Vor allem jüngere Generationen stoßen auf Plattformen wie Instagram oder Tik-Tok auf Personen, die über ihren Glauben sprechen und christliche Botschaften verbreiten. Doch was bedeutet diese Entwicklung für das Verständnis von Religion und Glauben? Die Wiener Sozialethikerin Linda Kreuzer erklärt, warum soziale Medien zwar Interesse am Glauben wecken können, persönliche Begegnungen aber unersetzlich bleiben.


RB: Frau Kreuzer, Religion wird in sozialen Medien oft sehr ansprechend und modern präsentiert. Verändert das unseren Blick auf den Glauben?
Linda Kreuzer: Glaube ist keine feste Größe, sondern wird von persönlichen Erfahrungen und dem Umfeld geprägt. Zwar ist das Interesse an Religion und Spiritualität weiterhin groß, doch die Angebote sind heute vielfältiger denn je. Menschen suchen dort Orientierung und Gemeinschaft, wo sie sich angenommen fühlen. Auch wenn die Internetnutzung wächst, engagieren sich nach wie vor viele Menschen in Pfarren, Vereinen und sozialen Projekten.


RB: Soziale Medien setzen stark auf Gefühle und schnelle Botschaften. Wo liegen dabei die Grenzen?
Kreuzer: Soziale Netzwerke können auf kirchliche Angebote aufmerksam machen und Interesse wecken. Qualitative Seelsorge lebt aber von persönlichen Begegnungen und verlässlichen Beziehungen. Diese Plattformen setzen oft auf schnelle Reaktionen und Zuspitzungen. Ethische Fragen brauchen dagegen Zeit, unterschiedliche Sichtweisen und einen respektvollen Austausch.


RB: Viele Menschen haben das Gefühl, Personen aus dem Internet gut zu kennen. Welche Folgen hat diese parasoziale Bindung?
Kreuzer: Durch die vermeintliche Nähe entsteht Vertrauen. Wenn ich jemanden sympathisch finde, glaube ich ihm leichter. Das gilt für Produktempfehlungen ebenso wie für politische oder religiöse Aussagen. Ein Problem besteht darin, dass im Internet nicht immer klar erkennbar ist, wie verlässlich eine Quelle ist. Anders als bei redaktionellen Medien fehlen oftmals Qualitätskontrollen. Viele Menschen verlassen sich daher auf ihr Gefühl oder auf die Anzahl der Follower einer Person. Beides sagt jedoch wenig darüber aus, ob Informationen tatsächlich richtig sind.


RB: Religiöse Angebote im Internet können manchmal auch Türöffner für sehr einseitige oder extreme Weltanschauungen sein. Woran sind solche Entwicklungen erkennbar?
Kreuzer: Beiträge, die starke Gefühle auslösen oder Menschen gegeneinander aufbringen, erhalten im Internet oft besonders viel Aufmerksamkeit. Manche Gruppen nutzen gezielt die Sehnsucht vieler Menschen nach Halt, Zugehörigkeit und Orientierung. Sie bieten einfache Antworten auf komplexe Fragen oder präsentieren rasch vermeintliche Schuldige für gesellschaftliche Probleme. Häufig beginnt der Kontakt mit Themen, die zunächst harmlos erscheinen, etwa über ansprechende Bilder, Traditionen oder Fragen der Lebensgestaltung. Schritt für Schritt können Menschen so mit Denkweisen in Berührung kommen, die sie zunächst gar nicht als einseitig oder ideologisch geprägt wahrnehmen. Deshalb ist es wichtig, Inhalte kritisch zu hinterfragen und unterschiedliche Sichtweisen kennenzulernen.


RB: Warum finden vereinfachte Botschaften gerade in unsicheren Zeiten so leicht Gehör?
Kreuzer: Einfache Antworten auf schwierige Fragen haben Menschen schon immer angesprochen, besonders in Zeiten der Unsicherheit. Neu ist heute vor allem die Geschwindigkeit, mit der Informationen über das Internet verbreitet werden. Wer im Netz nach einem ganz alldend. Denn die Welt der sozialen Medien verändert sich ständig, und vieles ist schon nach kurzer Zeit wieder vergessen. Ein Patentrezept für erfolgreiche Präsenz im Internet gibt es nicht. Große Organisationen tun sich oft schwer, mit den raschen Entwicklungen Schritt zu halten. Umso wichtiger ist es, authentisch zu bleiben und den eigenen Auftrag nicht aus den Augen zu verlieren. täglichen Rat sucht, kann rasch auf Inhalte stoßen, die mit dem ursprünglichen Anliegen wenig zu tun haben. So führen Empfehlungen und Verlinkungen oft von einem Thema zum nächsten, aber sie darf den Menschen nicht aus dem Blick verlieren. Also sind wir unvermittelt mitten in Gedankenwelten, die wir nicht mehr sortieren und bewältigen können.


RB: Welche Rolle sollte die Kirche im digitalen Raum spielen?
Kreuzer: Kirchliches Engagement sollte vor allem dort stattfinden, wo Menschen einander persönlich begegnen: in den Pfarren, Gemeinschaften und kirchlichen Einrichtungen. Gleichzeitig ist es aber sinnvoll, im Internet präsent zu sein und auf Angebote aufmerksam zu machen. Im Bereich der Bildungs- und Informationsarbeit gibt es durchaus noch Möglichkeiten. Viele theologische Fakultäten und Fachleute leisten bereits wichtige Einordnungsarbeit. Gerade im Internet begegnen uns immer wieder kurze Videos oder Beiträge, die Behauptungen über Kirche, Glauben oder gesellschaftliche Themen aufstellen. Hier kann es hilfreich sein, Expertinnen und Experten zu Wort kommen zu lassen, die Zusammenhänge erklären und Orientierung geben. Wenn Menschen mit Freude und Kreativität neue Wege finden, kirchliches Leben sichtbar zu machen, ist das sehr zu begrüßen. Ein gutes Beispiel dafür sind viele Ordensgemeinschaften. Sie zeigen ihren Alltag auf sympathische und oft auch humorvolle Weise, geben Einblicke in ihr Leben und teilen geistliche Gedanken. Dabei wirkt nichts aufdringlich oder belehrend. Genau diese ruhige und glaubwürdige Herangehensweise ist entscheidend.
Denn die Welt der sozialen Medien verändert sich ständig, und vieles ist schon nach kurzer Zeit wieder vergessen. Ein Patentrezept für erfolgreiche Präsenz im Internet gibt es nicht. Große Organisationen tun sich oft schwer, mit den raschen Entwicklungen Schritt zu halten. Umso wichtiger ist es, authentisch zu bleiben und den eigenen Auftrag nicht aus den Augen zu verlieren.

 


 

Die wichtigsten Begriffe im Überblick
Follower:

Menschen, die den Beiträgen einer bestimmten Person im Internet regelmäßig folgen.
Parasoziale Bindung:
Gefühlte Nähe zu Personen aus sozialen Medien oder dem Fernsehen, obwohl kein persönlicher Kontakt besteht. Die Beziehung bleibt einseitig.
Sozialethik:

Ein Bereich der Theologie, der sich mit Fragen des Zusammenlebens, der Gerechtigkeit und der
Verantwortung in der Gesellschaft beschäftigt.
Soziale Medien/Netzwerke:
Internetplattformen wie Facebook, Instagram, TikTok oder YouTube, auf denen Nutzerinnen und Nutzer Inhalte veröffentlichen und teilen können.

 


 

Linda Kreuzer
(geboren 1978) ist Sozialethikerin an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Nach Studien der Katholischen Theologie, Religionspädagogik und Philosophie war sie in der Kinder- und Jugendpastoral, im Journalismus sowie als Religionslehrerin tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Medienethik, Sorgeethik („Care“) und Demokratie. Seit 2024 arbeitet sie als Universitätsassistentin.

 

(c) Jana Hofmann

Aktuelles E-Paper

Ausgabe 42 | 2026


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